26.06.2025–04.07.2025

Ja, ist denn überhaupt noch jemand auf Santa Maria? fragt mich der Hafenmeister von Ponta Delgada auf São Miguel, der schon den ganzen Morgen Segler eincheckt, die, wie wir gerade, von dort ankamen. Wir unterhalten uns während des Eincheckens sehr freundlich und er fragt, wo wir am letzten Abend unseren Liegeplatz gefunden hatten. Ich nenne ihm die Position in der Steganlage und finde, ich kann an der Stelle mal produktiv jammern. So füge ich an, dass wir mit dem Finger der Box nicht so glücklich sind, da der für den Clipper schon sehr kurz ist und das Boot so nur mit seiner ersten Hälfte wirklich festgemacht werden kann. Er meint, dass er dafür vielleicht eine Lösung hat und telefoniert kurz. Dann verkündet er mir, dass wir in den alten Hafen dürfen, was in mehrfacher Hinsicht ein richtiger Jackpot ist. Also erst mal weg von der verrufenen Steganlage mit ihrem Schwell und hinein in die wesentlich besser geschützte alte Marina.

Ich muss auch hier zum Grenzschutz GRI. Der Polizist fragt mich nach meinem letzten und nächsten Hafen. Der letzte war Vila do Porto auf Santa Maria, der nächste wird aller Voraussicht nach Praia da Vitória auf Terceira sein. Auch wir unterhalten uns kurz und ich gebe an, dass wir alle neun Inseln der Azoren besuchen möchten. Stolz meint der Polizist, dass wir das nicht müssten, da wir ja bereits auf der schönsten Insel des Archipels seien. Ich erwidere diplomatisch, dass sicherlich jede Insel ihre besondere Schönheit besitze, und er lächelt. Wir sollten in gewisser Weise beide recht behalten.

Die Marina in Ponta Delgada hat, wie angedeutet, einen miserablen Ruf. Genauer gesagt die neue Marina im Westen. Man hat die riesige Anlage dort hinter das Kreuzfahrtterminal gebaut, welches die Steganlage gegen Ostwind und Wetter aus der Richtung schützen soll. Leider hat man aber das Terminal auf Stelzen gebaut. Das ist natürlich sehr viel günstiger, dafür lässt es so aber einen bedeutenden Teil des Atlantikschwells unter sich durch und trifft danach auf die Marina, wo es bei Schwell aus Osten regelmäßig zu extremer Bewegung und folglich zu Bruch bei Booten und Steganlage kommt. Wenn die Wetterlage dann so ist, muss es fruchtbar sein. Der alte Hafen im Osten dagegen ist wesentlich besser geschützt, normalerweise aber den Einheimischen vorbehalten.

Hier im Osthafen lässt man uns also jetzt hinein und ich bin beruhigt, denn ich bin gewissermaßen auf Abruf. Ich weiß, dass in den kommenden Wochen ein Anruf kommt, der es notwendig machen wird, alles stehen und liegen zu lassen, um für eine Unterschrift zurück zum Kontinent zu fliegen. Ich habe auf den Termin so gut wie keinen Einfluss und es ist mir natürlich extrem wichtig, dass ich Filip mit dem Clipper dann nicht in einer potenziell prekären Lage vor Anker oder in einer schlecht geschützten Marina zurücklassen muss. Daher bin ich über dieses Glück des sicheren Liegeplatzes derzeit noch sehr viel mehr glücklich, als es ohnehin der Fall ist. Im folgenden Video sieht man, wie die Masten der Yachten bereits bei ruhigem Wetter in der großen westlichen Marina gegeneinander schwanken.

Beim Verholen in den alten Hafen auf der Ostseite kommen wir wieder an der riesigen amerikanischen Empire State vorbei. Dieses stolze Schiff, so kann man nachlesen, dient der Ausbildung des seefahrenden Personals für die Handelsmarine der Vereinigten Staaten. Auch wenn es neben der Ausbildung der nautischen und schiffstechnischen Offiziere ebenfalls bei der Katastrophenhilfe zum Einsatz kommen soll, muss man sich das erst mal leisten wollen. Zumal die Staaten gleich 5 von diesen Schiffen haben möchten. Derzeit sind zwei im Einsatz und weitere drei im Bau.

Das Schiff erklärt dann auch bald, warum wir auf der ganzen Insel ständig junge Amerikaner vorfinden, die ein wenig versuchen, sich auszuleben, ähnlich, wie ich es von meiner Zeit bei der Marine im Auslandshafen kennengelernt hatte. Allerdings sind diese amerikanischen Kameraden im Gegensatz zu uns damals, alle mit deutlich angezogener Handbremse unterwegs.

Wir kommen gut im alten Hafen unter und erkunden erst einmal die Stadt, die ihren Namen verdient und die größte auf den Azoren, mit dem entsprechenden Angebot, ist.

Bei der Marina gibt es einen Container der Autovermietung ANC, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen langjährigen Regierungspartei Südafrikas von Gründer Nelson Mandela. Wir fragen nach dem Preis des Kleinwagens, der im Schaufenster mit 20 € lockt. Leider ist das der Preis für die Nebensaison, erklärt man uns. Aktuell müssen wir ein Vielfaches, also um die 80 € pro Tag, bezahlen. Das ist erst einmal zu viel. Im Internet, auf dem Vergleichsportal Discoverycars, bekomme ich später ein Angebot für 17 € bei derselben Autovermietung. Das machen wir sofort fest, und einen Tag später stehen wir erneut in dem Container, um das gleiche Auto für diesen spektakulär besseren Preis abzuholen. In drei Tagen werden nun die landschaftlichen und kulturellen Höhepunkte der Insel zu erkunden sein, und das sind einige!

São Miguel ist mit 747 Quadratkilometern die größte Insel der Azoren, hat mit 133 000 Einwohnern auch die meisten Einwohner und liegt beim Tourismus ebenfalls vor allen anderen. In den jeweiligen Kategorien ist der Abstand zur jeweils nächsten Insel beachtlich. Sogar die Lufthansa fliegt im Sommer an zwei Tagen Linie ab Frankfurt hierher.

Da Ponta Delgada die Hauptstadt des touristischen Hotspots der Azoren ist, gibt es hier viel und es fühlt sich auch gänzlich anders an, als das verschlafene Santa Maria. Dennoch ist der Ort wiederum überhaupt nicht vergleichbar, mit dem touristischen Moloch von Mallorca oder den Kanaren.

Unser erster Inselhöhepunkt sind die Lagoa das Sete Cidades beim Miradouro da Vista do Rei. Hierbei handelt es sich um zwei Kraterseen, deren unterschiedliche Färbung eine Sage begründet, die von den Tränen einer herzzerreißenden, unerfüllten Liebe zwischen zwei jungen Liebenden aus verschiedenen Ständen herrührt, die sich nicht lieben dürfen. Der Anblick ist in jedem Fall äußerst beeindruckend, ein fotografisches Sinnbild der Azoren, und gehört auch in unsere Top 10 der Azorenhighlights.

Das Ganze befindet sich mitten im Atlantik, umgeben von vielen Tausend Kilometern Salzwasserwüste in alle Richtungen. Das muss man sich immer wieder bei diesen Eindrücken bewusst machen, was nicht schwerfällt, da der Ozean hinter den Graterwänden sichtbar ist. Wir sind angemessen beeindruckt und erneut emotional auf den Azoren angekommen, nur in einer anderen Geschmacksrichtung, als auf Santa Maria.

Direkt am Aussichtspunkt befindet sich das erhabene Fünf-Sterne-Luxushotel Monte Palace, welches mit genau dieser Aussicht von den Balkonen der Zimmer und Suiten beeindruckt. Es schmiegt sich elegant in die nebligen Wälder hinein und bietet alles, was der moderne Tourismus der Extraklasse aufbieten kann. Leider gab es zuletzt doch einige Klagen, was Sauberkeit und schlechten bis ausbleibenden Service anbelangt, wenngleich sich der Komplex gleichwohl enormer Beliebtheit bei der täglichen Laufkundschaft erfreut. Da auch am Panoramaaufzug mal wieder etwas gemacht werden müsste…

…nehmen wir die Treppe, vorbei an den Verbotsschildern, die die Besucher der verlassenen Hotelruine auffordern, genau das nicht zu tun, was sie gerade tun.

Es handelt sich hierbei um einen der berühmtesten Lost Places der Inselgruppe. Das Hotel hatte nach seiner Eröffnung Anfang der 1990er Jahre nie die Belegung gehabt, die es für einen profitablen Betrieb benötigt hätte. Die zahlungskräftige Kundschaft war auf der Insel zu der Zeit nicht in dem Maße vertreten, und die wenigen zog es nicht an diesen doch sehr abgelegenen Ort, um sich dort alleine mit den Annehmlichkeiten des Hotels und Wanderungen einzulassen. Letzteres ist bei rund 200 Regentagen im Jahr an dieser hoch gelegenen und somit kühlen Stelle weniger ein Traum, zumal weder eine SPA-Landschaft die Rückkehrer nach der Wanderung lockte, noch andere Freizeitaktivitäten. Auch ist die Aussicht schließlich nur dann gut, wenn die tief hängende Wolkenuntergrenze diese unregelmäßig zulässt.

So wurde das Hotel im November 1990 geschlossen, kurioserweise in der gleichen Woche, in der es die Auszeichnung für das beste Hotel Portugals erhielt. Die nächsten 20 Jahre gab es einen Wächter mit Hund, der das Anwesen bewachte. Nachdem selbst dieser kein Geld mehr bekam und verschwand, verwandelte die Bevölkerung das Hotel in eine Rohstoffmine und räumte es inklusive der Badewannen und Versorgungsleitungen bis auf die Grundmauern aus. Zuletzt entfernte man von Regierungsseite alles Glas aus dem Gebäude, sodass sich wenigstens niemand der heute zahlreichen Besucher ständig bei der Eroberung des Gebäudes verletzte. Immerhin sind die meisten Zimmer nun Bestandteil einer Street-Art-Graffiti-Galerie, die sich teilweise sehen lassen kann, auch wenn wirklich mal wieder durchgesaugt werden müsste.

Wir machen vom Dach aus noch einen aufregenden Drohnenflug, denn das Fluggerät beschwert sich fortwährend, dass es sich in Wolken befinden würde, was ihm aus einer Reihe von Gründen missfällt.

Zurück auf dem kleinen Parkplatz vor der Hotelruine, stellen wir uns bei einem Foodtruck an und müssen lange warten, da der Andrang umgekehrt proportional zu der Geschwindigkeit ist, mit der die Speisen zubereitet werden können. Hier finden wir wieder einige Gruppen der amerikanischen Seefahrtsschüler der Empire State und beobachten unfreiwillig das übertrieben überhebliche, maskuline Gehabe einer dieser, welches in Kombination mit übersteigertem Patriotismus zur Schau gestellt wird. Letztere gipfelt bei einem der Kadetten in dem Tattoo der amerikanischen Flagge, welche auf seinem durch Work-outs unnatürlich aufgepumpten Oberarm leuchtet. Man ist beeindruckt und wünscht gute Besserung.

Nach dem Essen wenden wir uns den anderen Ständen zu, die mit lokal angebauter Ananas und den daraus erstellten Getränken werben. Überall auf der Insel gibt es Stände dieser Art. Filip kommt mit den beiden freundlichen Damen ins Gespräch. Sie erzählen, von welchen Inseln sie kommen und welche sie selbst schon besucht haben, was bei weitem nicht alle sind, obwohl sie hier leben. Filip fragt, ob die Ananas wirklich von der Insel kommt, was verneint wird. Diese kämen aus Costa Rica, und die als lokal beworbene Ananas gibt es zwar, sie ist aber viel kleiner und teurer und wird nur auf Anfrage geschnitten verkauft. Für die Piña Colada oder den Ananassaft nehmen sie immer die ausländische. Wenn schon, denn schon, sagen wir uns, nehmen sie und futtern desillusioniert, weil eine größere Ananas, die von so weit herkommt, immer noch günstiger ist als die lokal angebaute. Wir retten die Welt, indem wir über entsprechende Konzepte diskutieren, die das heilen.

Nach der Weltenrettung begeben wir uns hinab nach Sete Cidades zu den Seen, wo das Wetter durchwachsen ist und es immer wieder leicht regnet. Wir denken uns das Ganze schön, da es immerhin nicht > 40 °C hat, sodass wir uns vor der Sonne verstecken müssten. Das Klima ist doch insgesamt sehr belebend, nicht kalt, und die Natur saftig grün. Passt also! Wir laufen hier kurz herum und fahren weiter.

Als Nächstes steht der Besuch in dem Meeresschwimmbad Ponta da Ferraria bei Ginetes auf dem Programm, das es so vermutlich nicht häufig auf der Welt gibt. Eine 60 °C heiße Quelle ergießt sich hier so ergiebig in eine kleine Bucht, dass das Wasser beim Schwimmen darin deutlich wärmer ist, als es nach der Wassertemperatur des Ozeans sein dürfte.

Der Effekt ist bei Ebbe am stärksten und heizt das Wasser auf bis zu 28°C auf. Leider waren wir bei Flut dort, was es bis zu 10 °C kälter werden lässt und den Schwell vom Atlantik wesentlich besser hineinlässt. Das macht es schwierig, in den Wellen über eine Badeleiter am Felsen in und aus dem Wasser zu kommen. Es gibt einige notwendige Halteseile, um sich daran festhalten zu können und somit nicht auf das offene Meer hinausgezogen zu werden. Wer es auch bei Flut sehr warm mag, kann tauchen und erlebt ein einzigartiges Badeerlebnis!

Unser Ausflug im westlichen Inselteil endet am Miradouro Da Ponta Do Escalvado, einer schroffen Steilküste, die durch ihre Höhe von über 220 Metern eine herausragende Aussicht auf das kleine Fischerdorf Mosteiros und die dazugehörige Bucht ermöglicht.

Am Abend beschließen wir nach dem Abendessen noch, auf dem Rückweg eine kleine Besichtigungstour auf der Steganlage der großen Marina zu machen, in der wir nicht liegen müssen. Unsere Zutrittskarte funktioniert auch hier und es macht uns Spaß, andere Boote zu besichtigen und den ein oder anderen Schnack im Vorbeigehen mit den anderen Hochseeseglern zu führen. Selbst in dieser großen Marina herrscht eine familiäre und offene Atmosphäre der Segler untereinander.

Eher zufällig stolpern wir so auch über unsere Nachbarn von Santa Maria, Jonas und Gitte, die in ihrem Cockpit gerade bei einem Glas Rotwein auf das garende Abendessen warten. Wir sind kurzerhand eingeladen und ich habe im Nu ein Glas Rotwein zum Anstoßen in der Hand.

Kurz darauf bekommen wir weiteren Besuch. Eine selbstbewusste Katze ist auf einer Besichtigungstour durch die Marina. Die Boote werden von ihr allerdings nicht nur vom Steg aus begutachtet, sondern bei Interesse kurzerhand ohne Einladung geentert und das Oberdeck kritisch inspiziert. Ich versuche, mit ihr Freundschaft zu schließen, was aber fauchend ausgeschlagen wird. Wie sich später herausstellt, ist das die Bordkatze eines anderen Boots, und die vielen einsamen Stunden auf See haben aus ihr wohl einen verschrobenen Seemann gemacht, mit dem an Land nicht gut Kirschen essen ist.

Ich ziehe mich zu meinem Rotweinglas und in die Sicherheit von Cockpits und der dortigen Gesellschaft zurück und versuche weiterhin, mein Glas auszutrinken. Alleine, es möchte mir nicht gelingen. Sobald der Füllstand sich dem Bereich des Bodens annähert, kommt die Flasche vorbei und füllt es wieder auf. Eine leere Flasche wird sofort gegen eine neue ausgetauscht, die ein ums andere Mal aus den Eingeweiden der Yacht zum Vorschein kommt, wie auch Rauch und ein Feueralarm, welche beide von dem anbrennenden Essen verursacht werden, das Gitte dort unten erst missachtet und dann versucht zu retten.

Oben wird nun zu immer bedeutungsvolleren Themen feste, aber gediegen gesoffen, und wir erfahren, dass auch Jonas überzeugt ist, dass dunkle, verkommene Mächte hinter der offiziell sichtbaren Politik die eigentlichen Fäden in der Hand halten und uns steuern. Die Inseln scheinen Kontinentaleuropäer mit diesen Ansichten regelrecht anzuziehen. Wir diskutieren uns so durch den Abend mit klar absehbarem Ergebnis: Bis auf Filip sind alle betrunken. Wir trennen uns in Frieden, nachdem Gitte zwei unschuldige und halbwegs volle Weinflaschen dadurch entleerte, dass sie diese offen am Boden des Cockpits stehend jeweils mit dem Fuß in die Horizontale und den Inhalt in das Hafenbecken beförderte. Zumal verkündet sie Filip ein ums andere Mal, wie ähnlich er ihrer Meinung nach ihrem Sohn ist, während dieser nach dem vierten Mal schon nicht mehr weiß, wie er auf die immer gleiche Enthüllung reagieren soll. Sie ist an diesem Abend in jedem Fall Inhaberin des Festrausches. Auf dem Rückweg fallen wir noch über ein Boot, dessen Eigner bei der Namensfindung wohl ebenfalls ein paar Flaschen vom Feinsten zurate gezogen hatte.

Mir geht es am kommenden Tag gar nicht mal so schlecht und wir können mit der Erkundung der Insel fortfahren, indem wir ihre vor allem vulkanischen Vorzüge auskundschaften.

Den Vulkansee Lagoa do Fogo, also den Feuersee, beispielsweise erreicht man nur mit einem Bus, der einen ab einem Parkplatz durch die atemberaubende Landschaft des gleichnamigen Naturreservats fährt, da Individualverkehr hier tagsüber nicht erlaubt ist. Manche sehen in ihm den schönsten Kratersee der Azoren. Er präsentiert sich, je nach Wetter, in immer anderen Farben und verhält sich wie ein Apfelmännchen, bei dem man an beliebigen Stellen hineinzoomen und neue kleine Welten entdecken kann. Ein stimmungsvoller kleiner Strand hier oder ein spektakulär großer dort, ein Bild von einer seichten Unterwasserwelt daneben, in dessen Farben man noch keinen See gesehen hat.

Bekanntermaßen sind vulkanische Böden auch fruchtbar, und das in Verbindung mit dem Klima macht Teeplantagen möglich, die mal eine bedeutende Einnahmequelle der Insel waren. Der Wettbewerb aus anderen Teilen der Welt hat nur wenige überleben lassen. Eine ist die Chá Gorreana – Fábrica, die allerdings ein Höhepunkt der Insel ist.

Neben dem Tee, seiner Herstellung und der puren Existenz einer Teeplantage in Europa beeindrucken uns hier das Restaurant mit seiner fortschrittlichen, leckeren Küche und die passende, aber unerwartete moderne Architektur.

Wir verbringen einige Zeit hier und lassen es uns gut gehen, bevor wir uns weiteren Annehmlichkeiten der Insel zuwenden: warmem Wasser. Wer Filip kennt, weiß, dass er an keiner heißen Quelle vorbeikommt, ohne sich auch hinein zu legen, bis er gar ist. Eine Vulkaninsel wie diese bringt zahlreiche Thermalquellen hervor, und wir besuchen sie alle!

Die wahrscheinlich bekannteste ist der Parque Terra Nostra, ein Park, der von dem amerikanischen Konsul um 1780 angelegt und in den folgenden Jahrhunderten stetig erweitert wurde, bis er zu dieser einzigartigen Anlage wurde, die heute da steht.

Die ehemalige Sommerresidenz des Konsuls ist nun ein sehr teures Hotel und die Gäste haben den Vorzug, die Parkanlage am Morgen und am Abend für sich alleine zu haben.

Ich würde am liebsten dort einziehen und dann einen Blogbeitrag über jede Ecke der weitläufigen Anlage machen. Bis ich mich in einer der laut Condé Nast-Verlag (macht z. B. die Vogue, GQ, AD Architectural Digest) schönsten Parkanlagen der Welt zur Ruhe setzte, muss ich mich an dieser Stelle leider auf ein paar Impressionen beschränken.

Der Star der Anlage und der Grund unserer Anreise hier ist allerdings das gut besuchte Thermalbad mit seinem braunen, fast 40 °C warmen Wasser, welches wahrscheinlich in keinem Reiseführer und keiner Reportage der Insel fehlt.

Hier garen wir vor uns hin, bis wir aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und des nicht vorhandenen Status als Hotelgast herausgeworfen werden.

Es ist ohnehin Tischzeit und wir verlegen zu den Caldeiras das Furnas, einem kleinen Geothermalgebiet, in dem es nur so brodelt und schweflig dampft.

Das Ganze liegt auch noch direkt am Ortsrand, in welchem es wiederum Restaurants wie das Caldeiras e Vulcões gibt, in dem man Gerichte für den Abend vorbestellen kann, die tagsüber in dieser heißen Erde gegart werden. Hier zählt in erster Linie das Erlebnis, welches im Gegensatz zu dem kulinarischen Wert durchaus im Vordergrund steht, wie wir beim Abendessen nun feststellen. Wir müssen ohnehin bald weiter, das zweite heiße Bad an diesem Tag mit 5 Thermalbecken in tropischer Landschaft wartet in Poça da Dona Beija auf uns.

Um den Rahmen hier nicht völlig zu verlieren, benenne ich hier weitere Höhepunkte der Insel in kürzerer Form:

Der vor Algen grün schimmernde Kratersee Lago das Furnas mit seinem entspannten Ufer ist ein Hingucker, wenn auch nicht zum Schwimmen.

Centro de Interpretação Ambiental das Furnas am Ufer des Sees.

Museum zur Geologie und Erdgeschichte der Gegend in einer Architektur, dass man glaubt, ein UFO sei neben dem Lago das Furnas gelandet.

Vom Aussichtspunkt bei Nordeste, dem östlichen Ende der Insel, vom Miradouro da Ponta do Sossego, der Blick zurück zur Insel

Spektakuläre Wolkenformationen, die man von dort aus fast von oben betrachten kann

Die Ananasplantage Plantação Ananases A Arruda. Wer wissen will, wie die Ananas angebaut wird, erfährt hier alles. Wir sind erstaunt, wie aufwendig das ist!

Das Werk der Töpferei Cerâmica Vieira. Die Töpfereien beziehen seit Jahrhunderten ihren Ton von Santa Maria und produzieren hier nicht nur für den einheimischen Markt. Es wird handgemalt!

Centro de Interpretação Ambiental da Caldeira Velha: Ein weiteres Thermalbad, herrlich im Wald gelegen. Das oberste Badebecken ist am heißesten. Daraus fließt das Wasser von Bassin zu Bassin weiter nach unten und wird immer kühler und benutzter.

Dabei brodelt und sprudelt es an jeder Ecke.

Überall über die Insel verstreut gibt es Schönes zu entdecken, wenn man sich die Mühe der Recherche macht und die Insel mit Interesse und einem Auto so für sich erobert. Wir haben hier knapp 30 Orte zu Fuß und mit dem Auto für uns entdeckt, die wir hier in ihrer Gesamtheit dokumentieren (auf die Karte klicken und die einzelnen Orte aufrufen):

Natürlich trifft man überall auf Touristen, insbesondere im Sommer. Überlaufen ist es dabei jedoch selten. Das Wetter ist wechselhaft, aber gemäßigt und eine erfrischende Abwechslung zu den touristischen, im Wortsinn Hotspots im Mittelmeerraum.

Wir geben das Auto nach unseren ausschweifenden Touren wieder ab und ich hole einiges an Arbeit im Boatoffice auf, die in den vergangenen Tagen liegenblieb. Das ist der gemütliche Teil unseres Aufenthalts, da das Inselerkunden und jeden Tag so viele Dinge erleben nach kurzer Zeit auch anstrengend wird.

Unser Steg ist familiär, wir kennen alle unsere direkten Nachbarn und indirekt deren Nachbarn. Man redet mit- und übereinander. Das Woher und Wohin, seit wann und wieso ist hier bei jedem interessant. Kurz vor der Abreise kommen Johan, Karin und ihr alter Hund Gustav mit ihrer LeLuna, einer Beneteau Oceanis 40, an. Wir kommen auch ins Gespräch und die beiden erzählen, dass sie das Boot unter diesem Namen so gekauft hatten und nicht wissen, warum es grammatikalisch korrekt nicht LaLuna heißt. Ein lustiges Alleinstellungsmerkmal. Erinnert mich an das Restaurant The La Trattoria aus dem Film Mickey Blue Eyes von 1999. Allgemein sind die beiden offenbar eher versehentlich auf das Boot und hierher gekommen. Lange Segelpassagen mögen sie nicht, mit dem Segeln selbst fremdeln sie, und man fragt sich, wie sie es mit dieser Grundeinstellung ausgerechnet auf die Azoren geschafft haben.

Mein Anruf, der eine zeitnahe Abreise zur Folge hätte, kommt erst einmal nicht, und somit ist die dritte Insel der Azoren jetzt Terceira. Terceira gehört bereits zur zentralen Gruppe des Archipels. Die Inseln dort liegen alle in Sichtweite und sehr nahe beieinander.

Um allerdings dorthin zu kommen, müssen wir 90 Seemeilen segeln, also knapp 24 Stunden. Die letzten Tage war das durch anhaltenden Westwind nicht möglich. Ein im Norden durchziehendes neues System übernimmt aber nun und lässt den Wind auffrischen und recht (im Uhrzeigersinn) drehen. Bei 10–15 Konten soll es zu ruhigem Segelwetter kommen. Wir brechen am Mittwochmittag des 03.Juli 2025 auf, wohl wissend, dass wir damit mitten in der Nacht ankommen werden. Um früher anzukommen, müssten wir den ganzen Vormittag motoren, bis der Wind dann kommt, was keine Option ist.

Jonas und Gitte sind dagegen schon unterwegs. Da ihr großes Stahlschiff bei dem wenigen Wind kaum auf Touren kommt, werden sie unter Umständen die komplette Strecke unter Motor zurücklegen und damit ohnehin kein Problem haben. Sie führen viele Ersatzkanister an Oberdeck mit, falls mal die 1000 Liter im Tank zur Neige gehen sollten.

Die Tour ist dann wunderschön. Filip liest mir auf Deutsch aus dem deutschen Guide für Terceira vor und wir beginnen unsere Planung für die kommende Azoreninsel. Am Abend sehen wir die Insel bereits deutlich vor uns und erleben einen spektakulären Sonnenuntergang.

Leider dreht der Wind immer weiter und wird schwächer. Die nun folgenden 11–12 Knoten wahren Wind kommen zunehmend von achtern und reduzieren den scheinbaren Wind entsprechend, womit wir nicht mehr die Schnellsten sind und mit 3,0–4,5 Knoten Richtung Ziel schlendern. Endlich, um 5 Uhr morgens, passieren wir die Einfahrt der großen geschützten Ankerbucht von Paria do Victoria, dem Strand des Sieges. Der Legende nach, haben die Inselbewohner hier ein Invasionsheer mit einer Kuhherde in Grund und Boden gestampft und vertrieben, daher der Name. Wir werden vorsichtshalber erst mal nicht an Land gehen.

Das Tief im Nordosten bläst offenbar näher am Kern deutlich mehr und grüßt uns mit daraus resultierendem Schwell zu. So ist das Ende unserer Reise ungemütlich. Müde lenke ich den Clipper vorsichtig unter Radar, Echolot und der starken LED-Lampe, mit der Filip das Ankerfeld ausleuchtet, an dasselbe heran. Wir suchen einen passenden Sandflecken in der richtigen Tiefe und so weit wie möglich hinter dem vor dem Schwell schützenden Wellenbrecher, ohne gleichzeitig den anderen Ankerliegern im Norden zu nah zu kommen.

Mein Problem ist, dass ich nicht in das Ankerfeld zwischen die anderen Boote hineinfahren möchte. Schon am Tage ist das Abschätzen von Abständen schwierig. Nachts wird das noch mal kniffliger, inklusive der Fähigkeit, abschätzen zu können, wie sich die Boote des Ankerfelds verhalten werden, wenn Wind und Welle sich ändern und man oft nur die Toplichter zwischen den Sternen sieht. Ich möchte das Boot nicht schlafend um den Anker schwojen lassen, ohne sicher zu sein, dass es dabei den anderen Ankerliegern nicht zu nahekommt.

Somit bleiben wir am Rand des Feldes relativ nah am Eingang der für alle Windrichtungen hervorragend geschützten Bucht, die nur für Schwell aus Osten empfindlich ist, welcher ausgerechnet heute Nacht in die Bucht hineindrückt. Wir liegen zwar hinter dem Wellenbrecher, bekommen aber wahlweise direkt mal eine kleine Welle oder die Reflexion von Land ab. Ich verzichte sogar aufgrund der frühen Stunde auf das Einlaufbier und wir gehen ins Bett. Der Clipper liegt jetzt unruhig und wir bleiben es trotz der frühen Stunde unglücklicherweise auch und leiden entsprechend dem Morgen entgegen, während uns immer mal wieder ein paar Wellen kräftig durchschütteln.

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