Kanarensegeln V – Viel Wind von Teneriffa nach La Gomera

12.6.-19.6.2021

Die Wettervorhersage ist gut, es sollten 5 bis später 15 Windstärken aus etwa NNO kommen, die natürlich durch Teneriffa irgendwie umgelenkt werden, so dass wir das im Windschatten der Insel nicht eins zu eins erwarten können.

Filip will mal einen Törn, zwar unter Aufsicht, aber alleine segeln, um seiner Rolle als Aushilfskraft zu entwachsen. Er plante also die Route, die im Prinzip aus dem Hafen, um die Ecke und in gerader Linie auf San Sebastián de La Gomera führt, schaut sich das Wetter an und macht morgens weitergehend alleine das Boot klar. Wir sprechen ab, wie wir aus unserer Box kommen wollen und da wir nur wenig Wind haben, soll er selbst hier rausfahren.

So machen wir es dann. Ich greife etwas mit dem Bugstrahlruder ein und helfe das Boot drehen. Dadurch ist es nicht mehr sein exklusives Manöver, was er mir später noch aufs Butterbrot schmieren wird, aber mir war es in dem Moment so lieber. Das nächste Mal versuche ich mich mehr zurückzuhalten, da ich sehr froh bin, dass er aus seiner seglerisch eher passiven Rolle rauswill, schon, aber nicht alleine, aus Sicherheitsgründen.

Ganz leicht gestelltes Bild

Wir fahren aus dem Hafen und bekommen es mit schwachem aber extrem konfusem Wind zu tun. Dass er zunächst parallel die Küste entlang kommt, hätte ich noch erwartet, dann dreht er aber auf Süd und bleibt da erst mal bei vorherrschenden Winden aus genau der entgegengesetzten Richtung. Das wechselt dann fröhlich hin und her und während der Wind der Stärke mal mit 10 Knoten kommt, mal mit 5, von Süd über West nach Nord und zurück.

Wir fangen mit dem Code Zero an, müssen uns aber häufig an andere Windverhältnisse anpassen. Während wir so dahinsegeln, und nachdem wir ein paar Walen von gestern im Vorbeifahren noch mal Hallo sagen, machen wir wenig später unsere spektakulärste Delfin-Sichtung bislang. Die Kollegen waren heute wirklich gut gelaunt.

Wahnsinn!!

Danach verändern sich die Umstände kontinuierlich zum Schlechteren. Zunächst knallt das Code Zero mit lautem Peng auf die andere Seite. Ich verliere die Nerven und rolle es auf. Auf den Wind kann man sich nicht einstellen. Man könnte jetzt die Arbeitsfock nehmen, aber was wollen wir mit der bei 5-8 Knoten? Ich hätte das Code Zero direkt abnehmen sollen, aber wer weiß schon was kommt.

Mit dem Groß alleine kommen wir nun einfach nicht voran. Überhaupt müssen wir aus diesen Windverwirbelungen raus, die sich hier hinter Teneriffa bilden. Flip will den Motor, der Umwelt wegen, partout nicht nutzen solange er am Ruder steht, kommt aber ohne diese Option nicht weiter, schmeißt schließlich entnervt hin und ich den Motor an. Ohne dass wir hier raus fahren, würden wir wohl sonst weit nach Einbruch der Dunkelheit angekommen, für eine Strecke, die eigentlich ein Katzensprung von 6 -7 Stunden ist.

Zunächst fahre ich nun nach Westen, aus dem chaotischen Windfeld raus. Dann haben wir ihn nach etwa einer Stunde stabil von vorne. Wir müssen so hoch ran wie es geht, aber es reicht dennoch nicht. Ich erwarte, dass der Wind weiter recht dreht, da er eine Grundrichtung von etwa 030 Grad nördlich Teneriffa haben dürfte und, wenn er nicht mehr von Teneriffa abgelenkt wird, immer mehr auf diese Richtung kommen sollte, je weiter wir von der Insel weg kommen.

Das passiert auch und die Rechnung geht auf. Ich habe dieselbe dennoch ohne den Wirt gemacht, denn die anfängliche starke Priese frischt immer weiter auf. Jede Stunde dreht der Wind um 10-15 Grad recht und frischt um 5 Knoten weiter auf, bis wir bei einer kurzen Windsee von locker 2 Metern und 6-7 Windstärken ankommen. Und das alles von vorne. Über 30 Knoten sehe ich in den Böen. Ja, das wollte ich mal erleben, aber doch nicht fast gegen an! Wir machen jämmerliche 2 Knoten Fahrt, trotz oder wegen des Überangebots an Wind und ggf. auch wegen meiner verbesserungswürdigen Strategie. Ich bin sehr hoch am Wind, das Groß bekommt kaum etwas ab, weswegen ich es sehr lange noch ungerefft lasse. Erst nach dieser Aufnahme, gehe ich ins zweite Reff, was aber kaum einen Unterschied macht.

30 Knoten Wind bei einem Winkeln von 40 Grad = 2,3 Konten Fahrt

Wie man in der Aufnahme sieht, schlackern die aufgerollte Genua und das Code Zero vorne um die Wette. Den Mast hätte ich weiter nach hinten nehmen sollen und das Code Zero hat da eigentlich nichts mehr zu suchen. Jetzt möchte ich es aber auch nicht abnehmen, wir sind ja bald da. Filip hat sich schon lange verabschiedet. Er knabbert aber mehr daran, dass es ohne Motor nicht ging und ist teils sauer auf die Elemente, teils leidet er unter der Lage und Bewegung.

Immer wieder kommt auch die immer gleiche PAN PAN Meldung, eine Dringlichkeitsmeldung über UKW, die mich schon seit der Ankunft auf die Kanaren in regelmäßigen Abständen begleitet. Es wird über Flüchtlingsboote informiert, die von Afrika auf die Kanaren kommen. In der Meldung werden alle Schiffe aufgefordert, gut Ausschau zu halten und diese Boote zu melden, wenn sie eines in Sicht bekommen. Ich bin aber am anderen Ende der Kanaren, weitab dieses Geschehens.

Wir nehmen mit zwei Reffs im Groß immer wieder Gischt und Wasser von vorne und kämpfen uns unseren Weg, bis wir etwa 20 Minuten vorm Hafen etwas zu weit südlich rauskommen. Ich konnte tatsächlich den Kurs immer weiter nach Norden korrigieren, sodass wir im Bogen auf den Hafen zufuhren. Ganz hat es nun nicht gereicht, ich nehme abermals die Maschine und fahre die letzten 30 Minuten gegen den Wind, der unter der Küste La Gomeras auch wieder weniger berechenbar wird.

Es geht wieder durch einen Fährhafen, für den es erneut eine Genehmigung braucht und den man zusätzlich nur durch einen Kanal aus überwiegend unbeleuchteten Tonnen befahren darf, die ein Einlaufen bei Nacht schwierig gestalten würde.

Der Kanal zur Marina durch den Fährhafen

Die dahinter liegende Marina ist nicht so windgeschützt wie erhofft. Der helfende Marinero weist uns aber eine einfache und große Box recht weit außen zu. Wir sollen am Montag umziehen, wenn weniger Fallwinde durch den Hafen gehen, die von den beeindruckend hohen Klippen rund herum herabkommen. Am Montag ist das Wetter aber genauso, mehr Platz haben sie auch keinen und so bleiben wir die Woche, wo wir sind. Passt so!

San Sebastian de la Gomera
Manöverkritik

Im Nachhinein und nach einem Austausch mit Claus von der Neuland, der anderen Sirius 35 aus Lagos, würde ich nicht mehr so fahren. Ich war mit 40-45 Grad am Wind. Das Groß hatte kaum was zu greifen und killte vorne, da ich es nicht dichter nehmen konnte. In dem Fall fehlt doch ein Traveler. Ich würde das nächste Mal maximal 50 Grad, vielleicht 55 Grad an den Wind gehen, dafür mehr Geschwindigkeit aufbauen, den Mast weiter zurück nehmen und in immer kürzeren Schlägen auf den Hafen zu kreuzen. Das werde ich bei nächster Gelegenheit mal ausprobieren, wenn ich diese Art von Segeln vorher nicht vermeiden konnte, was die erste Wahl wäre.

Schäden

Direkte Schäden haben wir keine, dafür war es jetzt auch wieder nicht so schlimm. Aber die Frischwasserpumpe läuft einen Tag nach Einlaufen nicht mehr. Normalerweise ist die auf See abgeschaltet, aber manchmal bleibt sie aus Versehen doch an und bei Lage und wenig Wasser im Tank kann sie sich mangels Kühlung durch das normalerweise hindurch strömende Wasser beim unbemerkten Trockenlaufen festfahren. War das passiert?

Der Service der Werft ist jedenfalls skeptisch und verwundert, dass die wirklich hin sein soll, da der Tank halb voll war, und Strom nach meiner Messung ebenfalls anliegt. Die Pumpe will aber dennoch keinen Mucks mehr machen, nachdem sie die letzten Tage schon schwächer gelaufen war. Es hilft nichts, sie tut nicht. Also ausbauen und versuchen, auf La Gomera Ersatz zu finden.

Nichts geht mehr

Es gibt hier immerhin einen Schiffsteilehändler, der sogar zwei Wasserpumpen hat. Eine habe ich aber selbst als Ersatz für die Salzwasserpumpe der Toilette an Bord, die ist nicht geeignet. Die Zweite wäre nur eine reine Notlösung, da viel zu schwach.

Ich hadere noch mit mir, die Pumpe vom Strom zu schneiden, da ich die großen Klemmen, mit der sie am Strom hängt, in der Größe nicht an Bord habe. Ist sie erst mal ab, bleibt sie das auch. Beim umständlichen Fummeln im sehr engen Schrank unter dem Waschtisch mit der Pumpe, die noch am Strom aber nicht mehr an der Wand und am Wasser hängt, entfährt der Pumpe ein kurzes Brrr.

Was war das denn?

Wenn die fest gefahren ist, macht die doch kein Laut mehr, oder?? Ich schüttel das Ding ganz professionell und komme langsam dahinter, dass wenn man in einem bestimmten Winkel an einem der Kabel zum Druckschalter zieht, die Pumpe deutliche Lebenszeichen von sich gibt!

Da ist gar nichts fest, die Pumpe selbst ist völlig in Ordnung. Ich hole mir Rat in meinem Standardwerk für diese Fälle: „Technik unter Deck“ von Michael Herrmann aus Seite 306.

Dort schreibt er, dass ein Schwachpunkt der Mehrkammerpumpen in dem unterdimensionierten Druckschalter liegt. Er muss in oft sehr kurzen Intervallen den Pumpenmotor ein- und ausschalten, wobei er mit hohen Strömen und Funkenbildung zurechtkommen muss, was einen hohen Verschleiß verursacht. Seine Lebensdauer ist infolgedessen oft deutlich kürzer, als die der eigentliche Pumpe.

Es ist tatsächlich der Druckschalter. Ein Bauteil an der Pumpe, dass die Pumpe abstellt, wenn ein bestimmter Wasserdruck in den Leitungen erreicht wird, was dann vorkommt, wenn alle Wasserhähne geschlossen werden. Hier ist der Bösewicht. Ein billiges Qualitätsprodukt aus Indonesien, das die ganze Pumpe zum Stehen bringt, obwohl die noch völlig in Ordnung ist.

Der Schiffsteilehändler meint, dass er so ein Schalter irgendwo in seiner Schublade haben müsste. Es sei in der Tat recht gebräuchlich in der Yachttechnik. Leider sollte er das bis zu unserer Abfahrt nicht finden können, sodass ich mir provisorisch behelfen muss. Aufmachen kann ich das Teil nicht, aber bei Druck auf eine bestimmte Stelle funktioniert der Kontakt noch, wenn der Knopf des Schalters gedrückt wird.

Das Teil ist passgenau in dem Druckschalter eingebaut. Ich mache mir ein paar Streifen Tesafilm und klebe die auf die Stelle, die man drücken muss damit er funktioniert, bevor ich alles wieder zusammen baue. Siehe da, das funktioniert schlecht, die ganze Zeit schaltet das Teil zu und wieder ab, aber es kommt dadurch wenigstens sein bisschen Wasser.

Der reinste Pfusch, aber für den Moment ist es der Unterschied zwischen wenig Wasser aus dem Hahn und kein Wasser aus dem Hahn.

Ich werde versuchen, das Ding so bald wie möglich zu ersetzen. Michael Herrmann in seinem Buch hat dann noch den Tipp, ebenfalls auf Seite 206, dass man entweder ein Relais zwischen Druckschalter und Pumpe einbaut, so dass der Druckschalter nur noch noch das Relais schalten muss, was seine Lebensdauer erheblich nach oben setzt.

Für den Fall, dass der Druckschalter schon durch ist, gibt es auch eine Lösung und ich möchte Michael Herrmann wörtlich in seiner erfrischend trocknenden Art zitieren:

[…] „Die zweite Alternative kommt dann zum Einsatz, wenn der pumpeneigene Druckschalter bereits ausgefallen ist und kein passender Ersatz mehr erhältlich ist. In diesem Fall kann ein separater Membran-Druckschalter, wie in der Industrieanlagentechnik üblich und eingesetzt, hinter der Pumpe in die Druckleitung eingefügt werden. Deren Schaltvermögen übersteigt oft das der originalen Druckschalter, merkwürdigerweise bei wesentlich geringerem Preis. Ansonsten sind diese Pumpen verhältnismäßig zuverlässig und robust; werden sie nicht mit groben Verunreinigungen des Wassers belastet und vor Spritzwasser geschützt, versehen sie oft über Jahrzehnte ihren Dienst“

Hier bleibt es spannend

La Gomera

La Gomera ist eine sehr grüne Wanderinsel mit toller Natur und Slow Tourism. Wir suchen uns zwei schöne Strecken und laufen einsam einmal 10 Kilometer durchs Gebirge mit ordentlichen Höhenunterschieden und eine kleinere Tour durch einen Märchenwald von nur 4 Kilometern.

Dazwischen quartieren wir uns für eine Nacht in Angies Hotel ein, wo die Kanzlerin angeblich zweimal im Urlaub ihre Zelte auf La Gomera aufschlug. Wir hatten es auf das Essen in dem Hotel abgesehen und kamen auf unsere Kosten. Derzeit sind die Restaurants dort aber nur für Hotelgäste geöffnet, also haben wir uns ein Zimmer für eine Nacht im Süden der Insel genommen. Es gibt schlimmeres und wenn man schon mal um die Ecke wohnt……

Zum Schluss fahren wir noch in das beschauliche ehemalige Hippie Dorf Vueltas am Ende des richtig beeindruckenden Tals des großen Königs Valle Gran Rey.

Ich war dort bereits auf meinem ersten und einzigen Kojencharter- Kanarentörn vor 2 Jahren, hatte damals von dem Ort aber nicht viel gesehen. Hier nehmen wir ein schönes Abendessen und genießen einen spektakulären Sonnenuntergang am Strand.

Das ist nun wirklich ein würdiger Abschluss. Damit ist die Überfahrt nun endgültig verdaut und wir brechen am kommenden Tag auf zur vorletzten Insel: El Hiero.

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