Kanarensegeln IX – Ein Tag in See wie aus dem Bilderbuch

14.09.2021 Von Gran Canaria (ES) nach Lanzarote (ES)

„Ach könnte es nicht auf Bestellung so ein Wetter geben?“, denke ich und seufze in mich hinein. Wir sind heute Morgen, um kurz nach 7 Uhr losgefahren. Die Bedingungen sind dermaßen harmlos, dass man es schon langweilig nennen könnte. Ich hatte in Erwartung dessen gestern bereits das frisch reparierte Code Zero aus der Backskiste geholt und angeschlagen. Um von dem wenigen Wind, der da ist, möglichst alles abzubekommen, fahren wir aus dem Hafen, durch die Reede und von der Küste weg, während die Sonne im Osten aufgeht.

So ein Wetter hätte ich für die Überfahrt mit unserem Gast Christian von La Palma nach Gran Canaria gebraucht! Sanft und gutmütig wiegt sich der Clipper in der niedrigen und lang gezogenen Atlantikdünung, gleitet ohne viel Rollen und stampfen dahin, wie er das im Atlantik sonst gerne macht. Sonne satt. Wir haben zwischen 7 und 10 Knoten Wind, ziemlich das untere Ende, zu dem wir mit unserem Boot noch vernünftig mit immerhin 4 – 5 Knoten vorankommen. Dazu ein Traumstart mit eindrucksvollem Sonnenaufgang am Morgen.

Das nenne ich mal repräsentabel. Wir genießen den Tag in See aus vollen Zügen. Mittags schaue ich noch mal mit dem neuen Wetter, wie weit der Wind in den kommenden 10 Stunden noch recht drehen wird. Das passt für uns wunderbar, ich setzte einen neuen Wegpunkt und mit einem leichten Knick fahren wir jetzt direkt auf unser Ziel zu. Viel mehr dürfte navigatorisch nicht mehr passieren. Den Rest macht der Autopilot.

Ich mache am Morgen vor der Abfahrt noch Grießbrei mit Früchten, dass wir etwas im Magen haben, und mittags einen sommerlichen Salat mit Tomaten, Gurke, Tofuwürfel, etwas Zucchini und Walnüssen, Essig, Öl, Basilikum, Meersalz und Pfeffer. Ein Seemanstraum von einem leichten mediterranen Leckerbissen.

Gestern hatten wir dazu noch unsere unverpackten Vorräte im örtlichen „Waste-Free-Shop“ wieder aufgefüllt. Dazu zogen wir mit all unseren Aufbewahrungsbehältern los und kamen wie die Packesel wieder zurück.

Danach hatte ich das Boot relativ schnell seeklar. Nur Filip benötigte noch deutlich über eine Stunde, bis seine zum Färben vorbereiteten Stoffe gereinigt, zum Trocknen aufgegangen und andere 1.000 Sachen verstaut waren, die er an und unter Deck die letzten Tage zur Verwendung bereitgelegt hatte.

Wir kamen somit spät ins Bett. Den durch das frühe Aufstehen entgangenen Schlaf holen wir jetzt über den Tag abwechselnd in Form von Mittagsschläfchen nach. Hochgradig entspannt.

Ich hatte mir noch eine GRIB Datei mit Wetterdaten vorbereitet, die ich jetzt über das Satellitentelefon als Test für die kommende Ozeanpassage abrufe. Nach der Beseitigung eines Konfigurationsfehlers klappte das dann. Auch erledigt.

Ich sitze so am frühen Nachmittag sehr zufrieden im Cockpit, lasse mich von meiner Musik berieseln und schaue dem vorbeiströmenden Wasser hinterher. Mit anderen Worten: ich habe im Prinzip alle Hände voll zu tun. Dennoch bringe ich es mit purem Willenseinsatz fertig, den Rest meines kognitiven Systems, das nicht mit sitzen, Musik hören und Wasser hinterherschauen ausgelastet ist, mit Optionen der Optimierung zu beschäftigen. So sage ich dann nach einer Weile zu Filip: „Kuchen wäre jetzt gut“.

Der Optimierungsvorschlag durchläuft einen kritischen Validierungsprozess. Da die Kosten-Nutzen-Rechnung vernünftig und plausibel erscheint, stehen wir bald in der Pantry und bereiteten unter Blaues-Meer-und-Sonne-Panorama einen Schokoladen-Bananenkuchen für das Nachmittagsprogramm vor. Da kein Internet vorhanden ist, wird es pure Improvisation. Lecker!

Am Abend haue ich mich noch mal hin, Filip übernimmt bis etwa 23 Uhr, dann bin ich für den Rest der Nacht dran. Wir hätten bei 5 Knoten Fahrt auch gegen 2 Uhr ankommen können, da wir aber bei dem schwachen Wind durchaus gemächlicher unterwegs sind, wird das nichts. Ich beschäftige mich mit dem Verkehr um mich herum, es ist doch schon einiges los. Zwei Frachter, die von Achtern aufkommen und uns überholen. Ein anderer Segler, der uns seit Las Palmas de GC begleitet und immer näher kommt. Den muss ich ständig im Auge behalten, dass der keine Dummheiten macht. Und die macht er, indem er mitten in der Nacht etwa 2 Meilen querab sehr komische Manöver fährt. Na ja, wenn er ein Problem hat, wird er sich schon melden. Bald kommt er mit Abstand wieder hinterher, um so besser. Dann kommt uns noch die deutsche Segelyacht GEMMA entgegen, an der ich irgendwo schon mal in irgend einem Hafen ständig vorbeigelaufen bin. Jedenfalls erinnere ich mich an den Namen, nicht aber den Hafen. Vielleicht Lagos.

Mit diesen weltbewegenden Gedanken und dem Schauen einiger aufgezeichneten YouTube Videos geht es weiter durch die Nacht, bis ich gegen 6 Uhr morgens Filip wecke. Wir stehen kurz vor dem Hafen, nehmen zusammen die Segel weg und bringen Leinen UND Fender an. Marina Rubicon! Das war der Hafen mit dem schwungvoll – schönen Anleger ohne Fender. Die Kratzer von dem Manöver möchte ich zusammen mit allen anderen in Lagos entfernen lassen.

Wir kommen nach sehr genau 23 Stunden an, bleiben am Rezeptionssteg liegen, da das Marinaoffice noch geschlossen hat und hauen uns erst noch mal mit Anlauf in die Falle. Ich bin hundemüde.

Am Rezeptionssteg mit der Kneipe ONE im Hintergrund. Vielleicht habe ich dieses Mal eine Chance dort ein Bier zu nehmen. Der Bug ist noch völlig verdreckt von den Mooringleinen aus dem letzten Hafen. Die See war so ruhig, dass nicht mal dies weggewaschen wurde

Um 10 Uhr checke ich ein, wir verlegen an unseren Liegeplatz und machen seeklar zurück.

Schräg gegenüber liegt die unter portugiesischer Flagge fahrende riesige Yacht Eugen Seibold. Das ist eine Deckssalongyacht für die ganz großen Jungs vom Max-Planck Institut für Chemie, die damit weitestgehend emissionsfrei auf Forschungsexpeditionen auch in Polare Regionen fahren. Der Look hat es mit angetan, das Ding ist vermutlich in engen Stellen sehr unhandlich und ggf seglerisch nicht immer top, aber beeindruckend ist es allemal.

Wir ziehen die Stadt und ich traue beim Gang durch die Marina meinen Augen kaum. Das letzte Mal, als ich hier war, schrieb ich im Blog „…in den ersten Stunden fühle ich mich ein wenig, wie der Überlebende nach einer Zombiekatastrophe.“ Nun aber ist das Leben in der Marina zurück und das nicht zu knapp. Welche Wohltat! Selbst der sonst sehr kritische Filip ist von der Marina angetan. Es ist zwar alles künstlich hier, aber es funktioniert und man fühlt sich wohl zwischen all den Geschäften, Bars und Restaurants. Mit Leben in der Bude eine der schönsten Marinas bisher.

Wir versuchen uns Lanzarote zu erschließen. Es gibt aber auch hier keine Mietwagen, dafür aber eine App, mit der man seine Busreise mit den Öffentlichen über die Insel planen und für sehr wenig Geld fahren kann.

Das machen wir dann, schauen uns die Hauptstadt Arrecife an, trinken kurz etwas und bewundern den alten Hafen.

Sodann fahren mit dem Bus weiter in das Innere der Insel nach Mancha Blanca, wo heute der letzte Tag eines großen Volksfestes mit noch größerem Künstlermarkt ist. Zwar überall mit COVID Zutrittskontrollen, dass nicht zu viele Menschen auf einem Fleck hängen, aber ein Volksfest! Die Älteren unter uns erinnern sich…

Wir bleiben bis 20:00 Uhr und entscheiden uns dazu, das einzige Taxi zu nehmen, das wir erblicken können. Der letzte Bus fährt auch um 20 Uhr, der braucht aber mit Umsteigen 2 Stunden zurück in den Süden. Da gehen wir auf Nummer sicher und sehen zu, dass wir nach Hause kommen, bevor der Bus weg ist oder das Umsteigen nicht klappt und wir kein Taxi mehr finden.

Anschließend komme ich doch noch in den Genuss, zumindest einmal in der berühmten ONE Bar gewesen zu sein.

Auf dem Weg zurück auf das Boot zeigt die Marina Rubicon noch mal, was sie abends kann. Es ist mal ganz schön.

Die kommenden zwei Tage sind für mich voll mit Arbeit und Meetings im Boatoffice. Filip dagegen kann morgens jeweils sehr früh mit dem Bus losziehen und die Insel für sich erschließen. Vor allem am zweiten Tag nimmt er zusätzlich das Fahrrad mit und erlebt per Bus, als Anhalter, auf dem Rad und zu Fuß regelrechte Abenteuer während er es so vom Süden mit Hindernissen und auf Umwegen bis ganz in den Norden schafft, dort vor unglaublichen Landschaftskulissen die Pflanzen sammelt, mit denen man früher Purpur gefärbt hat, also die unglaublich teure Farbe, die sich nur die reichsten, wie Könige und Kaiser leisten konnten.

Der berühmteste Sohn der Insel war César Manrique, ein Künstler, Architekt und Bildhauer, der nach seinem berühmt werden in Madrid und New York zurückkehrte und der Insel architektonisch seinen Stempel aufdrückte.

Wir schauen uns zusammen seine Architektur auf der Insel an und mich Kunstbanause trifft der Schlag und mir blutet wirklich das Herz, dass ich am Freitag arbeiten muss und nicht mit Filip mit kann. Ich denke, “das kennst du doch!”. Ich google kurz und tatsächlich!!

Lanzarote war der Ende der 70‘er Jahre die Filmkulisse für die Heimat des Barons de Lefouet. Das war der Teufel höchstpersönlich, der Timm Taler das Lachen gegen die Fähigkeit abkaufte, jede Wette gewinnen zu können. Der Baron residierte auf der Vulkaninsel Aravanadi in einem futuristischen Gebäude inmitten einer unwirklichen Kraterlandschaft voller aktiver Vulkane. Das sind eben diese völlig aus der Zeit gefallenen architektonische Kunstwerke von Manrique, die heute, 50 Jahre später, noch genauso futuristisch wirken. Ich leide ziemlich, nicht selbst die Orte besuchen zu können, an denen Timm Thaler um sein Lachen kämpfte und die mich damals schon so beeindruckten.

Morgen fahren wir weiter, da sind wir etwas unflexibel dadurch, dass ich auf Madeira nicht wieder ohne Auto dastehen möchte und Marina und Auto schon jetzt gebucht sind.

Es gibt drei Marinas dort. Von der Ersten habe ich eine Absage (Warteliste), die Hauptstadt meldet sich gar nicht auf meine Anfrage und die Dritte nimmt uns, die allerdings auch am weitesten vom Schuss ist. Immerhin kommen wir überhaupt unter. Der Einklarierungsprozess wird spannend. Wir kommen zolltechnisch das erste Mal von außerhalb der EU zurück in dieselbe. Auch in Sachen COVID hoffe ich, alles richtig gemacht zu haben. Die Küstenwache habe ich angeschrieben, wir sind in einer App registriert und hoffen nun, dass das alles so passt. Falls nicht, müssen wir vor Anker warten und dürfen nicht an Land. Madeira gehört zu Portugal, das Land, dessen Gesundheitssystem im Februar unter der Delta-Variante zusammenbrach und in das unter anderem Deutschland Ärzteteams schickte, um in den Krankenhäusern zu unterstützen. Man ist vorsichtig, trotz einer Impfquote von mittlerweile über 80 % !

Das Wetter für das kommende Wochenende sieht Nord-Ostwinde mit um die 15 -20 Knoten vor. Später auch in Böen 25 Knoten bei 1,5-2 Meter mittlerer Wellenhöhe. Das ist zwar nicht gerade wenig, aber für die Windrichtung sind wir hier hergefahren, die passt gerade so. Montag im Laufe des Tages sollen wir ankommen. Lanzarote und Madeira sind im Prinzip so etwas wie riesige Kreuzschläge gegen den vorherrschenden Nordwind. Filip hat mal eine schöne Zeichnung gemacht, die der Plan die kommenden Wochen zurück aufs Festland aussieht.

Dann wollen wir uns mal wieder auf diesem Umweg dem Festland nähern. Tschüss Lanzarote. Macht’s gut ihr Kanaren. Wir hatten das unglaublich große Glück, die letzten Monate die großartige Einzigartigkeit jeder dieser Insel erleben zu dürfen und verabschieden uns morgen, während es unter dem Vulkan von La Palma zum Abschied brodelt. Hoffentlich nur ein leises Winken des Bergs ohne Folgen.

Ein Gedanke zu “Kanarensegeln IX – Ein Tag in See wie aus dem Bilderbuch

  1. Wieder so ein toller Reisebericht, der Lust macht, auch gleich wieder loszusegeln. Habt eine gute Überfahrt nach Madeira! Die Marina ist wunderschön gelegen und wird euch bestimmt gefallen.

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