Von Norderney nach Borkum

Wir hatten das Thema „Wind gegen Welle“ ja nun hinreichend besprochen. Heute sollten beide in vollendeter Harmonie zueinander in derselben Richtung stehen … gegen mich.

Doch zunächst kam das Seeklar machen. Für ein Boot und Schiff gibt es tausend Checklisten, welche Ausrüstungsgegenstände an Bord vorhanden sein sollten und es wurden auch eine Reihe von Büchern zum Thema Ernährung an Bord geschrieben. Was, aus mir unerfindlichen Gründen, nirgendwo erwähnt wird, ist die Dose oder Flasche Bier auf diesen Listen.

Eine seegehende Einheit kann zwar ohne diese auslaufen, aber wie soll man einlaufen, ohne danach das obligatorische Einlaufbier genießen zu können?! So stand ich um 8 Uhr morgens, als einer der ersten Kunden, mit zwei Dosen Bier in der Hand im Supermarkt an der Kasse, die ich dann auch erstand. Alles andere war noch vorrätig, also hatte ich nur die beiden. Damit das Bild eines perfekten Alkoholikers. Jede Erklärung, wofür diese beiden Biere gedacht sind und dass diese sogar unter Umständen zwei Tage reichen, wäre zu viel und würden das Bild lediglich beim Beobachter festigen. Ich habe lange genug an der Kasse einer Tankstelle gearbeitet, ich kannte meine morgendliche Klientel und ihre Sprüche.

Danach noch rasch das Liegegeld für die Nacht gezahlt, stolze 30 EUR für 12 Stunden, und es ging dann ausreichend ausgestattet aus dem Hafen hinaus

Ich nahm, nicht wie gestern, das Dove Tief, sondern die westliche Rinne, genannt Schluchter. Dafür, dass beide bei Ebbe kaum 2 Meter Wasser haben, stolze Namen, wie ich finde.

Der Revierführer weiß zu berichten, dass falls man bei Schluchter auf Grund läuft, man sich in illustrer Gesellschaft befindet. Kaiser Wilhelm II ist hier mal mit seiner Staatsgaleere auf Grund gelaufen, hat erzürnt und mit viel Geld die Rinne ausbuddeln lassen, als dass sie bald darauf wieder war, wie vorher auch.

Da ich auf dreierlei Gesellschaft keinen Wert lege, sehr im Gegensatz zu der von Filip in Amsterdam kommenden Freitag, nahm ich mir nicht die Zeit und gelangte problemlos in tieferes Wasser.

Strandbad Norderney mit vielen Erinnerungen, als Kind oft von der anderen Seite seeblickend

Der Wind war leider die erste Stunde gar nicht segelbar, frischte dann aber auf immerhin 10-15 Konten auf und kam eher aus Südwest, als West, sodass ich mit vollem Großsegel und der üppigen Genua einigermaßen vorankam.

Wenn einer keinen Platz macht, dann der da. Fischer- Regel Nr.1: Fischer fischen und haben immer Vorfahrt.

Es ging ganz gut voran, bis sich mir ein großer Windpark genau in den direkten Weg zu Einfahrt nach Borkum stellte. Das war problematisch, da abends zwei Fronten eines Tiefs durchziehen sollten, die ein Übermaß an Wind in Böen bis 30 Knoten bringen sollten. Den versuchte ich zu vermeiden, um dieses Wetter nicht zwischen den Flachs in der Einfahrt oder beim Anlegen zu haben.

Im Norden drum rum, hätten mich an die zwei Stunden zusätzlich gekostet, im Süden, zwischen dem Windpark, der Küste, einem Fischer und einem großen Schleppverband, war direkt nicht machbar, aber mit zwei Kreuzschlägen kam ich dann doch zurecht.

Hier wird Wind hergestellt
Zwischen den beiden ist eine Schlepptrosse, das sollte man berücksichtigen!

Ich kam bei meinem Schlag Richtung Süden dem Borkum Riff immer näher. Grauenhafte Geschichten hatte ich jede Menge gelesen, über Tod und Verderben, dass sich auf diesen Sänden schon abgespielt hatte. Ein Friedhof auf See. ABER: Das Wetter war super, die Welle hatte keinen halben Meter mehr, ich war etwa eine Stunde nach Hochwasser. Warum da eigentlich nicht quer rüber?

Es ist Naturschutzgebiet der Zone 1, das darf man, egal wo es eingerichtet ist, nur von 2 Stunden vor, bis 2 Stunden nach Hochwasser überhaupt befahren, um die sonst auf den trocken fallenden Bereichen schlafenden Robben nicht aus ihrem Mittagsschläfchen zu reißen. Na bitte! Die Zeit passt ja auch.

Die auf der Karte eingezeichneten Wassertiefen waren alle ok, immerhin tiefer als die offizielle Zufahrt nach Norderney. Mir wollte kein Grund einfallen, warum ich diese Abkürzung nicht nutzen sollte, die mir locker 1,5 – 2 Stunden brachte (…die ich später noch dringend brauchen sollte).

Also langsam, den Tiefenmesser nicht aus den Augen lassend, Taste ich mich auf dieses Terrain.

Die Überfahrt von Borkum Riff

Am Ende komme ich im Fahrwasser der Ems völlig unproblematisch an, wechsle auf die richtige Fahrwasserseite und pflüge mit der Genua und raumen Wind mit 6-7 Knoten durchs Wasser die Ems hinauf.

Der Schleppverband überholt mich, nach meiner Abkürzung, ein zweites Mal

Muss mal mit jemand sprechen, ob die dass alle so machen und ich mich nur von dem großen Namen habe irritieren lassen. Der Revierführer sagt dazu jedenfalls nichts.

Leider geht die Fahrt nur durchs Wasser. Über Grund mache ich bei starkem gegenläufigen Strom gerade mal die Hälfte. Da ich am Tage segeln will, kann ich mir das in dem Fall nicht aussuchen. In Revieren, wie dem englischen Kanal oder der Bretagne, wird das allerdings nicht mehr gehen. Die Tiden sind dort so stark, dass man nur mit der richtigen Planung am richtigen Ort zur richtigen Zeit ankommt.

Hier sieht man, wie die Tonnen im Strom “fahrt” machen

Ich rufe im großen Schutzhafen von Borkum an und frage nach einem Liegeplatz. Dort bekomme ich von einer freundlichen Dame mitgeteilt, dass sie mich leider nicht nehmen kann. Sie können nur noch die Berufsschifffahrt aufnehmen, da die alle COVID getestet sind und keinen Externen zwischen sich haben dürfen. Sie schickt mir aber gerne die Nummer der Südseite.

Die kam dann auch, ich rufe da an, bekomme Instruktionen, wohin im Hafen ich gehen kann und werde die Länge des Bootes abgefragt. Ich nenne zusätzlich den Tiefgang, da im Revierführer steht, dass der Südhafen sehr flach ist. Ich bekomme mitgeteilt, dass der Hafen tidenunabhängig sei. Hm, ok, hat wohl jemand gebaggert.

Ich kämpfe mich weiter bei bestem Segelwetter die Ems rauf, biege links ab und muss mit massivem Vorhalten gegen den Strom die Zufahrt zum Nebenfahrwasser treffen, die mich zum Hafen führen wird.

Man sieht links im Bild auf meiner Backbordseite das rot / grüne Tonnenpaar. Ich halte auf direktem Weg darauf bzw. dazwischen zu, auch wenn es nicht so aussieht.

Das lasse ich in dem Fall den Autopiloten machen. Puristen werden anmerken, dass der ja kaputtgehen kann und man das selbst können muss. Ich habe allerdings jede Menge elektronischen Schnickschnack dabei, wenig Erfahrung und bin alleine. Solange der Kram funktioniert, nutze ich ihn, um – die Hand am Ruder, aber nicht steuernd – zu lernen, wie’s gemacht wird.

Vorbei, an der Fischerbalje, dem Seezeichen an der Einfahrt zum Hafen Borkum

Ich finde den kleinen Südhafen, eine Einfahrt vor der des großen Industriehafens, treffe die Einfahrt wieder gegen den quer laufenden Strom, dieses Mal von Hand steuernd, und komme in das ruhige Hafenbecken.

Die Einfahrt zu dem kleinen Hafen. Immer schön gegen den Strom vorhalten…

Wir haben noch nicht Ebbe, aber ich habe nur noch 10 cm Wasser unter dem Kiel. Komisch, kann doch gar nicht sein. Der Hafen MUSS doch so, nach wie vor, wenigstens teilweise trocken fallen, wie im Revierführer auch beschrieben. Das wäre dann ja aber nicht Tidenunabhängig?!?!

Ich fahre langsam weiter, der Tiefenmesser zeigt 0 und dann nur noch „- – -„. Ich fahre …. und bleibe sanft stehen.

Festgefahren!

Shit!!!

Wenn du bei ablaufendem Wasser hängen bleibst, dann kommst du entweder sofort frei oder erst wieder bei der nächsten Flut!

Ich setzte zurück, das geht!, und versuche es auf einem anderen Weg. Wieder fest! Mann!! Wir haben Ebbe! Wenn ich hier nicht gleich wieder rauskomme, war’s das und ich kann mitten in der Nacht aufstehen, nachdem ich peinlich die halbe Nacht halb in der Einfahrt gestanden habe, und dann wie ein begossener Pudel das Weite suchen.

Das Trockenfallen selbst ist dabei überhaupt kein Problem. Das Boot ist ein sogenannter Kimkieler, der problemlos und aufrecht stehend bleibend trocken fallen kann. Ich hätte sogar ein „Trockenfall Bier“ an Bord, aber ich will so heute nicht enden.

Ich komme kaum mehr vor und zurück. Nur mit Voll voraus, voll achteraus, schaffe ich es mit leichtem Knirschen schließlich wieder in den Rest von freiem Wasser und sehe zu, dass ich Land, äh – Wasser, gewinne.

Der Anruf beim Hafenmeister schafft Klarheit. Er redet nicht vom Südhafen (der bei genauerem Hinsehen ja auch ein Westhafen sein müsste), sondern vom Süden des Industriehafens. Jetzt ergibt alles einen Sinn. Lesson learned: Vertraue nicht auf das, was du meinst zu wissen, wenn es von dem stark abweicht, was du siehst! Breche ab und suche eine Alternative.

In diesem Hafen bin ich fest gekommen. Auf dem Bild sieht man bereits, wie die Kielyacht oben rechts langsam aus dem Wasser steigen.

Ich wechsle eine Einfahrt weiter, befolge mittlerweile den Rat des Sirius Werftchefs, wie er es macht, wenn er alleine unterwegs ist, und peile erst mal die Lage.

Ich will am Besucherpier im Päckchen längsseits einer großen schwedischen Hallberg-Rassy mit meiner Steuerbordseite anlegen. Ich bereite dieses entspannt und kontrolliert im Hafenbecken treibend vor, schmiege mich an die große Dame und bin fest. Die Eignerfrau ist unglaublich nett und es stellt sich heraus, dass wir die kommenden Wochen den gleichen Weg haben werden. Super!

Längsseits der großen, schwedischen Dame

Ich dachte, das wird ein ereignisarmer Segeltag. Wie sehr man sich täuschen kann. Es gibt noch so einen Seglerspruch: Es gibt zwei Arten von Seglern: Die, die schon mal aufgelaufen sind und die, die das noch vor sich haben. Ich wechselte heute von der zweiten in die erste Gruppe. Dass ich das nicht auf Borkum Riff tat, war wichtig. Der falsche Hafen eine gute Erfahrung.

Dass ich heute die Abkürzung nahm, bescherte mir einen Anleger bei Tageslicht, was ich bei dem gegenläufigen Strom sonst nicht geschafft hätte. Auch hier: Das nächste Mal besser Planen, was die Tide setzt!!

Wie es morgen weitergeht, entscheidet sich morgen früh, in Abhängigkeit des Wetters. Falls es ganz schlimm wird, fahre ich über die niederländischen Kanäle. Wenn ich das aber irgendwie vermeiden kann, geht es weiter über die Nordsee.

Ein Gedanke zu “Von Norderney nach Borkum

  1. Fischerbalje kenn ich vom einlaufen auf Landungsboot Zander 1981. Doch wir mussten an Land fahren…. :-)) alles fein beobachtet und genau die richtigen Schlüsse gezogen…. Gute Fahrt😉

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