Von Baiona (ES) nach Viana do Castelo (PT)

Samstag, 24.10.2020
Unser Weg nach Viana do Castelo

Glücklicherweise kam es nicht ganz so dicke, wie die Wettervorhersage es vermuten ließ. Dennoch ist das Beste, was man zu diesem Tag sagen kann, dass wir einigermaßen heile angekommen sind, nichts Wesentliches dabei kaputtging und wir weitere Erfahrung sammeln konnten. Aber der Reihe nach.

Am Vorabend holte ich Filip vom Surfen ab und wir gingen wir nach einem tollen Crêpeessen zurück an Bord.

Surfer nach der Arbeit
Crêpes essen, fast wie in Frankreich

Warum auch immer, wir wollten danach an Ort und Stelle vor Anker bleiben und nicht wieder zurück auf die gegenüberliegende, ruhigere Seite der Bucht fahren. Ich packte das Dinghy an Oberdeck wieder ein, was eine elende Plackerei war. Dass ich das Ding nicht so platzsparend wieder zusammen bekam, wie ich es Original ausgepackt hatte, war mir ja klar gewesen. Aber wie schlecht mir das am Ende gelang, war dann doch niederschmetternd. Ich versuche das mit mehr Zeit, bei besserem Wetter und auf einem Steg mit Platz noch mal irgendwann. Wir versuchten dann zu schlafen. Um 2 Uhr Nacht riss mir dann endgültig der Geduldsfaden und ich stand wieder auf, warf die Maschine an und fuhr uns in eine ruhigere Ecke, in den Süden der Bucht bei den Marinas, denn es schaukelte derart stark, dass man ständig wieder aufwachte.

Unsere Ankerbucht

Den Wecker hatte ich in Anbetracht der Umstände dann noch von 6 Uhr auf 7 Uhr gestellt und somit ein wenig unserer Sicherheitsreserve schon vor Beginn des Turns investiert. Um 6:30 Uhr wachte ich auch so auf. Die Anspannung. Draußen pfiff schon der Wind. Ich machte mir erst mal Kaffee und begann das Boot vorzubereiten. Kurz nach 7 Uhr trafen wir dann beide die finale Entscheidung, dass wir tatsächlich losfahren. Bei Zweifeln, egal von wem, wäre ich direkt für die nächsten Tage in die Marina gefahren. Aber so ging es dann, nach einem abends schon vorbereiteten schnellen Frühstück, los.

Ich hatte zwei Ziele für den Tag: Erstens wollte ich bei Tageslicht ankommen, und zweites wollte ich überhaupt ankommen und keinesfalls auf See bleiben. In der Nacht zum Sonntag sollte eine Front durchgehen, der ich unter keinen Umständen auf See begegnen wollte.

Diese Front ging es zu meiden

Zunächst unter Maschine aus der Bucht und zwischen den Fischern hindurch, die man anhand ihrer Stirnlampe erkennen konnte, mit der sie einen auch teilweise anleuchten, wenn man sich ihnen nähert. Ich wollte den Job nicht haben, da morgens im Dunkeln und jedem Schietwetter, in nicht mehr als einem Ruderboot schuften.

Ich setzte das Groß direkt im zweiten Reff, das blieb es auch bis zum Einlaufen, und die kleine Arbeitsfock. So ging es dann hinaus, bei 35, meistens aber 40 Grad zum Wind, was uns durchweg Geschwindigkeiten zwischen 4,5 und 6,5 Knoten gab. Den Autopiloten hatte ich die meiste Zeit im Windfahnenmodus. Das bedeutet, dass wir nicht einen bestimmten Kurs fuhren oder einen Wegpunkt ansteuerten, sondern uns ausschließlich relativ zum südlichen Wind bewegten. Wir wollten ja kreuzen und je mehr wir dabei nach Süden kamen, desto besser.

Farbenspiel im Morgengrauen

Der Sonnenaufgang war heute mal nicht romantisch und wurde zumindest von mir kaum wahrgenommen. Die Sicht war OK, dennoch ließ ich die Dreifarbenlaterne, oben am Mast, den ganzen Tag an. Zu Beginn fuhren wir auf Steuerbordbug und im Cockpit waren erst mal bei der Lage von oft über 40 Grad und dem Gestampfe gegen die Wellen die besten Plätze. Frische Luft und freien Blick auf den Horizont taten bei dem Wetter außerdem gut.

Kritische Blicke in wetterfeste Kleidung

Das waren neue Erfahrungen. Das Wetter mit 20-25 Knoten Wind (statt der angesagten 30-35!) kannten wir zwar, aber nicht bei dem Kurs zum Wind. Solange hoch am Wind bei Schwell aus zwei Richtungen von 2 Metern aus der einen und 3-4 Metern aus anderen Richtung macht einen entscheidenden Unterschied zum Vorwindkurs und bei allen Unannehmlichkeiten, den Letzterer hervorruft, ist er mir natürlich dennoch lieber, als dieses elende Gestampfe bei einer Lage, die jede normale Bewegung zum Kraftakt werden lässt.

Das Seitendeck immer mal wieder unter Wasser

So ging es dahin. Ich aß auf dem Weg ein paar Müsliriegel, was viel Kalorien und Zucker gibt, und hatte noch zwei Tee. Das war es dann, da ich zu mehr keine Lust hatte. Filip aß und trank gar nichts. Bei dem Versuch ein Handy Ladekabel von oben auf der gegenüberliegenden Bootsseite zu ergattern, verlor ich in einer Welle den Halt, krachte zurück in die Naviecke, während das Handy einige Meter weiter im Vorschiff landete. Das tat weh, blieb aber ohne Folgen für Knochen und das Handydisplay. Weitere Verluste gab es beim Öffnen des Kühlschranks, der dabei unter anderem eine der schönen Kaffeetassen mit Salatdressing entlud, die das nicht überlebte. Der letzte Verlust war ein Wasserglas, das ab jetzt einen Sprung hat. Alles im Rahmen.

Hoch am Wind, in die ein oder andere Welle krachend

Wir hatten das Schott achtern die ganze Zeit offen. Die See kam ja von vorne und auch wenn wir ständig Seewasser auf dem Vorschiff hatten, kam im Cockpit kaum mehr als Gischt an. Einmal allerdings entschied sich Clipper eine Welle anders zu nehmen, sodass deren Wasser reichlich auch über den Decksalon kam, was dann eindeutig zu viel war und durch besagte offenen Tür in den Salon, in Form von größeren Mengen Spritzwasser, eindrang. Da wir beide zu dem Zeitpunkt in der hinteren Ecke saßen, gingen wir uns dann erst mal trockene Sachen holen.

Alles nass….

Es folgte gründliches Aufwischen und die restliche Reise und zukünftig bei dem Wetter bleibt die Tür dann zu!

Ansonsten gibt es wenig zu berichten. Navigatorisch lag der Höhepunkt der Reise in dem Wechsel von Steuerbordbug auf Backbordbug nach etwa 6 Stunden Fahrt. Zwischenzeitlich hatten wir wieder liebe, aus dem Wasser hüpfende Begleiter um uns herum, denen wir aber keine große Aufmerksamkeit schenkten.

Auf dem Weg zurück zur Küste, auf Backbordbug, machte die Mittelkabine den Clipper zum Glasbodenboot.

Es dauerte lange, bis die Küste in Sicht kam. Die Herausforderung war nun, unbeschadet in den Hafen zu kommen. Die portugiesischen Häfen können bei zu viel Schwell geschlossen werden, da Wellen in der abnehmenden Wassertiefe der Hafeneinfahrt brechen können, was äußerst gefährlich ist. Ein Segelboot hat da keine Chance und muss in diesen Verhältnissen draußen bleiben, auch wenn das noch so unangenehm ist.

Heute war das aber kein Problem und auch die Hafeneinfahrt von Viana do Castelo wird regelmäßig ausgebuddelt, sodass genügend Tiefe vorhanden sein sollte, um auch bei größerem Ungemach noch einlaufen zu können. Es galt dennoch, den Wellenbrecher mit großem Respekt und Abstand zu umfahren, bevor ich in die Hafenzufahrt einbiegen konnte,

Der große Wellenbrecher muss weiträumig umfahren werden

Nachdem dieser gerundet war, kam die unangenehme Herausforderung weiter Kurs zu halten, während Wind und Welle genau von hinten kamen. Die geringe Wassertiefe merkte man dann doch, die Wellen wurden giftiger. Ich nahm das Groß so dicht wie es ging und blieb mit Hartruderlagen einigermaßen im Kurs, während das dicht genommene Groß laufend halste. Was soll’s. Als es dann weiter um die Ecke ging, ließen Wind und Welle endlich nach, ich konnte das Groß aufmachen und es ging mit beachtlicher Fahrt, immer noch im zweiten Reff natürlich, den Fluss Lima hinauf, an dessen Flussmündung sich der Hafen befindet.

Den Lima ein Stück hinauf

Ein kurzes Stück ging es so, bis schon die kombinierte Auto- und Eisenbahnbrücke Eifel in Sicht kam, die, ebenso wie der gleichnamige Turm in Paris, nach ihrem Konstrukteur benannt ist.

Wir bargen nun die Segel, brachten Fender aus, bereiteten Leinen vor. Ich bemerkte dann beim näher kommen zwei Dinge. Zum einen gab es den Wartesteg im Fluss vor der Einfahrt zur Marina nicht, von dem im Revierführer die Rede war. An dem kann man anlegen, wenn in der Marina nichts frei oder die Fußgängerbrücke geschlossen ist, die die Marina Einfahrt versperrt. Diese muss geöffnet werden, damit wir vom Hafengebiet für die Berufsschifffahrt in die eigentliche Marina kommen. Auf UKW antwortete weder der Hafen noch die Brücke auf meine Rufe. Im Näherkommen stellte sich aber heraus, dass die Brücke offen steht, mit einem roten Blinklicht. Keine Ahnung was das bedeutet, wir fuhren jedenfalls rein und stellen fest: Kein Platz, alles voll und Plan B, der Wartesteg, ist nicht vorhanden.

Ich war aber nicht bereit, hier noch mal rauszufahren. Es lag da ein altes Motorboot am Ende eines vollen Stegs, gegenüber der Steganlagen der Marina, dass schon lange nicht mehr bewegt wurde und auch so aussah. Ich entschied, dort längsseits zugehen. Etwas unkonventionell vielleicht, aber machbar. Gesagt getan, wir schmiegten uns reichlich abgefendert an die My Way und waren erst mal gut fest.

Nach dem Anlegen erst mal die Klamotten runter. Seeklar zurück muss warten.

Uffff, das war geschafft. Wir waren in Portugal !!! Ach ja, Gastlandflagge austauschen. Es folgte ein schnelles Einlaufbier, etwas aufklaren und ab in die Stadt auf ein Abendessen, da von uns keiner Lust hatte, jetzt noch den Herd anzumachen. Wir kamen im ekligen Nieselregen direkt in die unglaublich schöne und weitverzweigte Altstadt.

Altstadt von Viana do Castelo

In einem absolut bodenständigen Gasthaus – wenig Interieur, ein paar Tische, Stühle, eine Theke, ein paar alte Männer saßen um einen Fernseher und schauten Fußball – bekamen wir ein portugiesisches Traditionsgericht, von dem ich noch nie gehört hatte, dass aber genau die richtige kulinarische Antwort auf diesen Tag darstellte.

Francesinha, ein portugiesischer Klassiker
Auf dem Weg zurück weihnachtet es uns

Es ging dann im Sprüh- und Nieselregen zurück und ab ins Bett. In der Nacht ging die Front mit derartigem Gepfeife durch, dass ich aufstand, um nach dem rechten zu sehen. Am nächsten Tag weckte uns der Marinero, der uns zu unserem Anleger beglückwünschte. Er meinte, die My Way läge da wie ein Fels, da könne man auf jeden Fall längsseits gehen. Wir könnten aber auch gerne auf die andere Seite wechseln, wo es mittlerweile eine Möglichkeit gab, was wir dann auch taten. Aber erst, nachdem ich meinen 12 Stunden Schlaf voll gemacht hatte, den ich offenbar nach der vorangegangen Ankernacht und dem Seetag nötig hatte. Das Gute war, dass durch die Zeitumstellung in der Nacht und den Umstand, dass Portugal in einer anderen Zeitzone liegt, wir zwei Stunden gewonnen hatten. Das war uns beides nicht sofort bewusst und sorgte am Morgen für leichte Verwirrung.

Fest! Egal wo und wie

Wir wollen von hier aus ein Naturschutzgebiet im Landesinneren besuchen und uns erneut ein paar Tage Zeit nehmen. Das Thema am Steg unter den anderen Seglern ist eh, ob die 5m Wellen morgen zu hoch sind, um weiter nach Süden zu kommen, oder nicht? Der Wind ist jedenfalls gut, aber wir haben erst mal anderen Pläne und bekommen dadurch vielleicht besseren Wind und bessere Wellen.

2 Gedanken zu “Von Baiona (ES) nach Viana do Castelo (PT)

  1. Moin Matthias,
    einfach toll wie du das schreibst. Man denkt man ist mit an Bord. Sehr gut!!!!!
    Aber ich habe da eine Klugscheisserfrage? Südliche Winde vor der Front, ablegen und auf SW-lichen Kursen. Zu Beginn schreibst du …..” Zu Beginn fuhren wir auf Backbordbug und im Cockpit waren erst mal bei der Lage von oft über 40 Grad”….. später wechselt Ihr von Stb auf Bb Bug um in Protugal einzulaufen. Ich denke es ist nur ein Tippfehler, oder ich habe keine Ahnung mehr vom segeln. kluggeschissen und ins Knie geschossen. :-))) Aber du siehst ich lese es sehr interessiert und es gefllt mir wie du schreibst. Ich wünsche Euch beiden noch eine tolle Zeit und immer guten Wind der euch dahindreibt wo ihr hinwollt. Viele Grüße aus einem kalten und verregneten Kiel.
    Gruß Wolfgang

    • Moin Wolfgang!
      Danke für das aufmerksame Lesen und erneut das nette Feedback. Diese Feedbacks und die Likes erzeugen vor allem die Motivation, die für die zukünftigen Blogs notwendig ist. Bin selbst überrascht, wie wichtig einem das wird. Aber so ein Artikel verschlingt doch deutlich mehr Stunden, als ich mal dachte, und dann stecken immer noch jede Menge ärgerliche Rechtschreibfehler, manche Logiklöcher und eben sogar fachliche Patzer drinnen, wie der hier.

      Inhaltlich hast du natürlich absolut recht und ich bin dir dankbar, mich darauf hinzuweisen.

      Ich darf zu meiner Ehrenrettung anführen, dass mir der Verschreiber gestern Abend bereits selbst aufgefallen ist und ich den korrigiert hatte. Wäre das aber nicht der Fall gewesen, wäre ich spätestens jetzt sehr froh, das nach deinem Hinweis noch korrigieren zu können. Es sieht einfach doof aus, wenn es so da stehen bliebe.

      Nochmal danke für die motivierende Korrektur und ich berichte gerne weiter…
      Grüße aus dem ebenfalls verregneten aber wunderschönen Portugal

      Matthias

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.