Von Viana do Castelo (PT) nach Nazaré (PT)

05.11.- 06.11.2020

Die Atlantikküste Portugals ist wirklich nicht familienfreundlich. Grundsätzlich gibt es nur wenige Häfen, die mitunter für einen Tagestörn recht weit auseinanderliegen. Dann ist hier, durch den typisch langgezogenen atlantischen Schwell, von irgend einem Sturm oder Tief weit weg, immer Bewegung im Schiff. Diese langsame lange Dünung kann man mögen, ich tue das, man muss es aber nicht und das tun auch nicht alle bei uns an Bord.

Weiterhin ist die Küste voll mit Fischernetzen, die man meist mehr schlecht als recht an Plastikflaschen, Fähnchen oder leeren Kanistern erkennen kann, mit denen diese an der Wasseroberfläche gehalten werden. Diese Dinger stressen mich erheblich und erschweren in Küstennähe einen relaxten Törn zusätzlich. Man muss ständig aufpassen, ob vor einem was im Wasser ist und selbst das hilft nicht viel und es zieht plötzlich wieder so ein Ding viel zu nahe am Boot vorbei. Ich habe noch keine gute Vorstellung davon, was passieren muss, wenn man da mal hängen bleibt. Versuche das weiter zu vermeiden.

Die Atlantikküste Portugals. Steilküste, Wellen, ein paar Strände, wenig Häfen

Wir wollen nun, nachdem wir in Viano und dem Landesinneren einige Zeit verbracht haben, etwas Strecke machen und mal wieder vorankommen. Wie im letzten Blogpost angekündigt, bleibt es bei der Fahrt über Nacht. Wir lassen den Hafen von Figueira da Foz aus und segeln durch bis Nazaré, bekannt durch die Riesenwellen, kurz vor dem Ort, auf denen die weltbesten Surfer ihre Weltrekorde surfen.

Wir verlassen den Hafen am Donnerstag, kurz nach Sonnenaufgang. Der Wind ist den Tag über ziemlich gut und kommt mit 4-5 Bft aus Osten. Das hat den Vorteil, dass wir fast mit raumem Wind nach Süden segeln können, was am meisten Speed bringt. Es bringt aber auch am wenigsten Bewegung, da der Wind kaum Fetch hat (Fetch= Angriffsfläche für den Wind auf dem Wasser, um Wellen zu generieren), um eine Windsee aufzubauen. So brausen wir mit stolzen 6-7 Knoten los. Ich fühle mich während dieser Segelabschnitte so herrlich, wenn das Boot sich auf diese Weise und alleine durch Windkraft seinen Weg durch das Wasser schneidet.

Im Geschwindigkeitsrausch

Wir haben es allerdings mit ständig wechselnden Vorhersagen für den nächsten Morgen zu tun, da wir uns nahe an dem Kern eines Tiefs bewegen, das uns mit Wind versorgt. Das macht es den Wettermodellen sehr schwer, eine genaue und zuverlässige Prognose zu liefern.

Befindet man sich eher am Rand eines Tiefdruckgebiets, ist die genaue Zugbahn des weit entfernten Zentrums kurzfristig nicht so entscheidend, da das ganze Gebiet, in dem man sich befindet, ja sehr homogen ist und in etwa den gleichen Wind und dasselbe Wetter zeigt. Die Wettervorhersage kann dann recht zuverlässig sein.

Nahe am Kern ist das anders. Die Luftmasse eines Tiefs dreht sich bekannter Weise auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn um das Zentrum des Systems. Da ist es nicht mehr egal, ob das Zentrum 50 km östlich von einem steht und man dadurch den Wind aus NNW bekommt oder 50 km westlich, was den Wind etwa entgegengesetzt kommen lassen würde. Daher ist eine genaue Prognose der Zugbahn des Kerns sehr entscheidend.

Wir sind jedenfalls nahe des Kerns und zusätzlich weiß eine alte Okklusionsfront in der Nähe nicht so recht, was sie machen soll: sich auflösen, nochmal kräftig pusten und über uns hinwegziehen oder generell woanders hin mit sich. Ist fast wie die amerikanischen Regierung derzeit.

Einer von vielen Regenschauern, die vorbei ziehen

Die Vorhersage verspricht Wind in Böen bis 30 Knoten und vielleicht Gewitter. Das ist allerdings nur die Vorhersage mit ihrer eignen derzeitigen Ungewissheit. Können daraus auch 40 werden oder bleibt es bei nur 20 Knoten? 40 Knoten! Das wäre schon stürmischer Wind. Diese Unsicherheit und Furcht vor dem Unbekannten vertreibt, zumindest bei mir, alle Leichtigkeit des schönen Tages. Ist auch gemein, man wird mit bestem Wetter auf See gelockt, so gute Bedingungen sollte es die nächsten Tage nicht mehr geben, aber das Ende kann man sich nicht aussuchen.

Der Smutje macht Bohneneintopf

Wir segeln jedenfalls weit raus, um über Nacht im Dunkeln nicht in ein Fischernetz zu geraten. Ich mache Mittagessen, Mutters tollen Bohnen/Kartoffeleintopf, der schnell gemacht ist, sowieso gut schmeckt und auch später kalt bei schlechterem Wetter noch hervorragend gegessen werden kann.

Relaxt in der Abendsonne mit Hörbuch

So geht es relativ ereignislos dahin. Die lange Atlantikdünung merkt man kaum, weiter draußen hat sich aber dann doch eine kleine Windsee, von der Küste kommend, aufgebaut, in die wir zunehmend hineinstampfen.

Der Abend ist romantisch. Wenn nur die Wetterprognose nicht wäre. Auf in die Nacht….

Nach Mitternacht versuche ich zu Intervall-schlafen, was aber nur über 2-3 Stunden klappt. Wer weiß, was die Nacht bringt. Ich döse also vor mich hin und schaue alle 20 Minuten nach dem rechten, vor allem nach Wind und Segel. Filip ist einerseits seegangbedingt mittlerweile nicht mehr voll einsatzfähig, will mich andererseits unterstützen und kommt nach einer Schlafphase wieder zurück in den Salon. Er schaut nun ein bisschen nach dem Verkehr, wir haben den einen oder anderen Fischer um uns herum, während ich aber meinen Rhythmus weitergehe. Irgendwie vergeuden wir so unsere Energie, da er nicht schläft, ich aber sowieso da sein muss, nachdem er nun mal nicht 100% fit ist. Wir haben das später diskutiert, dass er das nächste Mal richtig schlafen soll, um zumindest bei Bedarf fit zu sein. Beide wach ergibt nachts überhaupt keinen Sinn.

Vom Bug aus höre ich immer mal wieder ein Schlagen, wenn wir in die Wellen eintauchen. Mir kommt das ungewöhnlich genauer gesagt neu vor. Es hört sich an, als würde irgendetwas lose seinen von der See angehoben. Ich lasse den Anker auf Verdacht mit der Fernsteuerung aus dem geschützten Cockpit heraus ein paar Zentimeter aus seiner Halterung und ziehe ihn wieder fest. Das Schlagen bleibt. Filip meint, er würde nichts Ungewöhnliches hören. Ich wollte sowieso nicht unbedingt aufs Vorschiff. Es erschien mir im Moment in dem Stampfen ohnehin nicht dringend genug, um herauszufinden, ob dort alles in Ordnung ist. Nach der noch folgenden Überraschung am Morgen werde ich das nächste Mal aber eher meiner Intuition folgen und gehen… Es kommt mir vor, als hätte ich mir das schon ein paar mal gesagt.

Irgendwann gegen 4 Uhr weckt mich Filip endgültig und vor Ablauf meiner 20 Minuten. Der Wind ist eingeschlafen, sollte er laut Vorhersage aber gar nicht. Wir machen kaum Fahrt mehr. Es ist dunkel, die See nicht wirklich zu sehen und ich bin keineswegs erfahren genug, daraus jetzt irgendwas abzuleiten. Ich gehe jedenfalls mal vorsorglich ins zweite Reff, falls das die Ruhe vor dem Sturm sein sollte und überlege, ob ich nicht gleich das Groß bergen soll. Blöde Situation, blöde Atmosphäre. Wir haben mittlerweile Backbord und Steuerbord Wetterleuchten und das Regenradar, das wir über das Internet bekommen, zeigt uns die näher kommende Front.

Das Wolkenfeld zieht von Süden nach Norden

Der Wind kommt wieder, frischt aber nicht allzu sehr auf, bleibt eher schwächer als er vorher war und weht nun ziemlich genau aus Süden, also mal wieder daher, wo wir hin wollen. Ich traue dem Frieden erst nicht, gehe dann aber doch wieder zurück auf die große Genua und reffe voll aus. So kreuzen wir mit vollen Segeln gegen den schwächelnden Wind. Ich bleibe wach und bin bereit, falls sich kurzfristig etwas ändert.

Gegen 0700 wird es hell. Wir befinden uns im Nebel und es nieselt erst, dann beginnt es zu regnen. Und zwar richtig zu regnen.

Mal was anders, statt immer den gleichen romantisch-, langweiligen Sonnenaufgängen

Mit dem ersten Licht zeigt sich auch langsam, was da Nachts diese Schläge auf dem Vorschiff verursacht hatte. Die beiden (!) Bretter, die normalerweise über dem Bugsprit sitzen, sind lose. Die von unten dagegen schlagenden Wellen, in die wir diese Nacht gefahren sind, haben beide aus ihrer Halterung gerissen. Zum Glück sind beide noch da, eines liegt an Oberdeck, das andere hängt noch irgendwie im Bugspriet fest. Also soooo schlecht war das Wetter nun auch wieder nicht, denke ich mir.

Gegen 0800 Uhr sollte es weiter auffrischen. Hier meinte die Wettervorhersage die bösen Böen für uns zu sehen. Statt diesen kommt aber ….. Windstille. Nun gut, das tut weniger weh als die andere Richtung auf dem Klavier der Möglichkeiten. Wir sind eh fast da. Ich nehme die Segel runter, falls nun das jetzt die Ruhe vor was auch immer sein sollte und unter Maschine nähern wir uns Nazaré.

Ich bleibe nun draußen, da ich durch den Regen aus dem Salon heraus die Fischernetze nicht rechtzeitig sehen kann. Wir sind schließlich wieder kurz unter Land. Das bisschen Sicht, das wir haben, will ich nutzen, da ich durch den Regen nicht mal mehr mit dem Radar durch komme. So geht es die letzte Stunde dahin. Ich vermeide es, ein zweites Mal nach drinnen zu gehen, da das von mir herunter strömende und dann aufzuwischende Wasser nach dem ersten Versuch bereits zwei Handtücher verbraucht hat.

Im Regen konzentriert auf den Plotter schauend..

Dann klart es etwas auf und die Klippe von Nazaré kommt in Sicht. Wir queren den Bereich, in dem die Surf Weltrekorde aufgestellt werden. Es bewegt sich kaum etwas. Der Grund für die hohen Wellen hier ist übrigens ein unter Wasser liegendes Tal, das größer als der Grand Canyon ist und bis fast vor die Hafeneinfahrt reicht. So kommt die große Atlantikdünung, ohne zu brechen, ganz nahe an die Küste und trifft dann auf die unter Wasser liegende Steilwand des Canyons, über den die Wellen dann förmlich drüber fallen bzw. hüpfen müssen und sich dadurch so stark aufbauen. Nur eben nicht heute und das ist auch gut so. Der Tiefenmesser zeigt noch 20 Meter vor der Hafeneinfahrt 80 Meter Tiefe. Beeindruckend. Nix wie rein da….

Die Klippe von Nazaré.

Ich funke den Hafen an, der antwortet auch gleich in exzellentem Englisch, der Hafenmeister empfängt uns an einer freien Box und hilft beim Anlegen. Wir machen sanft fest. Ich beginne das Boot alleine aufzuklaren, da ich eh nasse Klamotten habe. Danach gehe ich zum Hafenmeister, sitze in seinem Büro und melde mich an, zahle. Anschließend fülle ich noch Frischwasser auf, sammele die Bretter vom Bugspriet ein, unterhalte mich kurz mit dem Nachbarn, den ich in Viana kennengelernt habe und der offenbar den gleichen Weg hat und als ich dann mit allem fertig bin und mich anfange, aus meinen Sachen zu schälen, merke ich, dass ich bis jetzt – und somit auch beim Hafenmeister im Büro und danach – meine Schwimmweste noch anhatte. Nach der fast durchgemachten Nacht habe ich wohl nur noch den Blick fürs Wesentliche und da gehört eine Schwimmweste, die man ablegen könnte, offenbar nicht mehr dazu.

Wir legen uns schlafen.

Irgendwann wird uns mal eine Front mit kräftigem Wind auf See erwischen und langsam möchte ich diese Erfahrung fast machen, denn diese Unsicherheit und das eigene Rumgejammere deswegen geht mir langsam auf die Nerven. Aber heute war das nicht der Fall und wir sind im Prinzip gut durch gekommen, auch wenn Filip mir schon deutlich zu verstehen gibt, wie ihm diese Art des Segelns mittlerweile sehr gegen den Strich geht. Es ist eben im Moment nicht durchgängig familienfreundlich und wird ggf. langsam Zeit, dass wir an die Algarve kommen, dem Küstenstrich, wo Müßiggang und Segeln wieder zusammenpassen, dem Land also, wo Milch und Honig fließt. Noch ist es aber nicht so weit und ein paar Meilen sind noch zu Segeln.

Gut in Nazaire angekommen

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