Gibraltar (GB) & Ceuta (ES) – Zwischen Kontinenten

Samstag, 05.03.2022 bis Freitag, 18.03.2022

Wir hatten letztlich erneut ein sehr ernsthaftes Gespräch über unseren Lebensstil. Filip macht der ständige Wechsel der Örtlichkeit nach wie vor zu schaffen. Er benötigt den Raum für seine eignen Projekte und vermisst eine tägliche Routine, in die er diese betten kann. Ständiger Ortswechsel und die touristische Exkursionen verhindern diese Routine, was ihn belastet, da er sich den Raum ständig neu zurückerobern muss.

Die Fortführung seiner Physiotherapie in einem sehr intensiven täglichen Training zur Verbesserung seiner Haltung und Physiognomie gehört zum Beispiel dazu, dass er mit großer Disziplin täglich 2–3 Stunden durchzieht. In Tazacorte hatte er dazu sogar die Toilette genutzt, um nicht von Leuten am Straßenrand ständig angegafft zu werden und da sie Schatten spendete. Mittlerweile räumt er auch mal die Mittelkabine aus, sodass diese zur Work-out Area wird.

Wenn er einen Spiegel benötigt, um die Haltung zu kontrollieren, muss er ins Fitnessstudio. Dieses will immer wieder gefunden werden, während die touristische Erforschung der Orte, durch die wir reisen, ein großes Pensum an Zeit verlangt, dass dann nicht für seinen normalen Tagesablauf zur Verfügung steht. Von den Tagen in See gar nicht zu reden.

Die Lösung liegt natürlich wie immer im Kompromiss, so gut es eben geht. Wir streben mehr denn je lange Hafenaufenthalte an, um dann aber auch nicht jeden interessanten Hafen anzulaufen, der am Wegesrand liegt. Das führt dann zwangsläufig zu längeren Schlägen auf See, um das Ziel für dieses Jahr zu erreichen: Griechenland gegen Ende des Sommers oder Anfang des Herbstes.

Dem Rechnung tragend, bleiben wir hier nun 10 Tage, obwohl wir Gibraltar selbst in 2–4 Tagen auch gesehen hätten. Die Alcaidesa Marina, in der wir nun günstig untergekommen sind, ist hier eine logische Weiterentwicklung und Kombination aus Wohnmobilparkplatz und Yachthafen. Man bleibt aber irgendwie dennoch getrennt, auch wenn man ja artverwandt ist und gefühlte 80 % der Wohnmobile aus Deutschland kommen. Nur zu anderen Booten baut dann Filip hier Kontakt auf.

Mit Lagos hatten wir auch eine potente Werft hinter uns gelassen. In Spanien gibt es diese zwar auch, insbesondere in Port Sherry. Aber es gilt mal wieder ein von den Kanaren bekannter Mix aus Mañana und Kein Spanisch, kein Service.

Doch hier an der Grenze zur englischsprachigen Enklave habe ich schließlich Erfolg. Man schickt mich von der Werft zu einem Handwerker, der jemanden kennt, der schließlich mit einem Mitarbeiter an Bord kommt, der als Übersetzer fungiert. So kommt es dazu, dass wir endlich einen Check am Motor durchführen, um mithilfe der Sirius- Werft und dem Elektriker hier vor Ort der Ursache für die ständig durchbrennende Sicherung auf die Spur zu kommen.

Überdies installieren wir eine von Sirius gelieferte externe GPS Antenne. Der Grund ist der, dass die internen GPS, die im Plotter stecken, nicht zuverlässig die Satelliten finden und vor allem halten. Manchmal funktioniert es tagelang relativ gut, dann wieder gar nicht. Eine lange Leidensgeschichte liegt bereits hinter uns, wenn auf längeren Passagen der Alarm ständig und anhaltend ertönt, weil das System mal wieder die Orientierung verloren hatte. Man kann das Problem am Track erkennen. Immer dann, wenn er unterbrochen ist, fliegen wir nicht, sondern segeln, ohne dass das System mangels Position den Track aufzeichnen kann. Hier der Ausschnitt von etwa einem Tag von Madeira nach Portugal.

Den Plotter ganz ausstellen, wenn es besonders schlimm ist, kann man machen, aber er erfüllt mit der Seeraumüberwachung per Radar und AIS auch eine Sicherheitsfunktion. Man kann sich vielleicht vorstellen, was das mit einem macht, wenn man das Piepen des Alarms ständig neu bekommt und man hoffnungsvoll wartet, ob es gleich wieder ausgeht oder doch dauerhaft bleibt. Man versucht es zu ignorieren, wie man das bei Zahnschmerzen versuchen kann. Funktioniert beides etwa gleich gut. Man drückt den Alarm dann weg, er findet die Position, verliert sie sofort und der Alarm ist wieder da. Nervenzerfetzend. Vor allem Nachts.

Natürlich wird es schlimmer, wenn ich den Plotter außen ausstelle, da er auf See keine weitere Funktion hat, außer dass er Strom verbraucht. Ich hatte ihn dann mit abgedunkeltem Bildschirm laufen lassen, nur damit er ggf. die Satelliten besser sieht. Tat er nicht immer, verbrauchte Strom.

Nun wird auf Anraten der Werft mit einer externen Antenne Abhilfe geschaffen. Dazu räume ich mal wieder alles aus und das Boot stellt sich danach ein wenig dar, als wäre es gerade zu einer Mehlstaubexplosion gekommen.

Die eigentliche Installation ist super einfach. Die GPS Antenne wird über das mitgelieferte Koaxial-Antennenkabel einfach an einen der Plotter hinten angeschraubt. Dafür hätte ich niemanden gebraucht. Auch das Bohren des Loches und Abdichten hätte ich noch hinbekommen. Aber das Ziehen des Kabels war eine Herausforderung, an der die Profis beinahe gescheitert währen. Der Kabelkanal ist eben schon recht voll und der Stecker ziemlich dick. Somit bin ich froh, dass ich das nicht selbst und ohne deren Equipment machen musste.

Nun haben wir damit jetzt 5 GPS Antennen am System angeschlossen. Jeweils eine Interne je Plotter, eine interne Antenne am UKW Funkgerät und eine Externe für das AIS, neben der jetzt die zweite Externe Antenne vom inneren Plotter sitzt. Warum die AIS Antenne exklusiv für das AIS ist und die Daten nicht teilt, ist ein Geheimnis von Raymarine. Jetzt ist es aber vollbracht und der Erfolg bereits im Hafen deutlich. Während es vorher immer etwa 1–3 Minuten brauchte, bis die Position initial gefunden war, sind es nun unglaublich wohltuende wenige Sekunden.

Am ersten Wochenende machen wir nur eine look and feel Tour in Gibraltar Stadt, wozu wir die Grenze überqueren, die selbst im Moment nicht weiß, ob sie eine EU Außengrenze, Binnengrenze, so wie immer oder etwas anders ist. In den buchstäblich letzten Minuten hatte man am 31.12.2020 gerade noch ein Abkommen zwischen dem sehr autonomen Gibraltar, Großbritannien und Spanien bzw. der EU hinbekommen. Damit wurde die Grenze hier eben nicht zur Außengrenze, was das tägliche Pendeln der 15.000 Menschen unmöglich gemacht hätte, die in Spanien wohnen und in Gibraltar arbeiten. Man befindet sich in einem vierjährigen Übergangszeitraum, an dessen Ende Gibraltar sogar Teil des Schengenraums und für die Außengrenzen die Guardia Civil zuständig sein soll, da man selbst dafür keine Kapazitäten hat. Das bedeutet aber, dass man sich deutlich an die EU annähern muss, was Gesetzgebung oder Steuern betrifft, um den Zaun und Grenzübergang hier dann abbauen zu können. Ein Brite wird dann auf der Flugreise von London hierher einen Pass benötigen. Während Großbritannien raus ist, kommt Gibraltar den Spanien und Europa somit näher, den je. Was das wirtschaftlich bedeutet, wird man sehen. Eine reine Steueroase ist man hier wohl nicht. Das meiste verdient man mit dem Tourismus, dann kommt zu je einem Drittel eben doch das Finanzwesen und die Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Schifffahrt. Außerdem ist das Internet-Glücksspiel immer mehr relevant für den hiesigen Haushalt, der beständig Überschüsse produziert. Geld stinkt nicht, oder doch?

Die Grenze existiert aber noch und ich mache mir erst gar nicht die Mühe zu versuchen herauszufinden, was wir benötigen, um da rüberzukommen. Wir nehmen einfach den Reisepass mal mit, lassen ihn aber in der Tasche und zeigen nur den Perso vor. Das funktioniert, also wissen wir das beim nächsten Mal und sind drinnen!

Ob die Telefonzellen überhaupt noch jemand nutzt, ist wohl egal. Es geht hier sicherlich in erster Linie um eine optische Aussage. Wir fühlen uns sehr wohl auf diesem englischen Fleck. Auf einmal kann man alles lesen und das Kommunizieren ist wohltuend einfach. Nur verstehen kann man die Leute nicht immer, wenn sie untereinander reden. Es hat sich hier eine eigene Sprache herausgebildet, die wir beim Gemüsehändler bestaunen durften. Völlig unverständliches Kauderwelsch zwischen Englisch, Spanisch, Marokkanisch und was noch immer, erklärt man uns auf unsere Nachfrage. Wahrscheinlich ein hochinteressantes Labor für Linguisten für die Frage, wie eine neue Sprache entsteht.

Wir laufen eine große Runde, besuchen den Trafalgar Friedhof, auf dem aber nur zwei Tote der namens spendenden Seeschlacht liegen und der mehr einem maritimen Botanischen Garten gleicht. Also hier könnte ich mir meinen letzten Aufenthalt sehr gut vorstellen.

Dann wäre hier noch der Spritpreis zu erwähnen, der wohl jederzeit eine Reise wert ist. Nicht nur die Schiffe bekommen hier günstig ihren Kraftstoff. Auch die Autos profitieren von niedrigen Steuern. Während offenbar der Diesel zu dem Zeitpunkt in Deutschland 1,999 EUR kostete, das linke Bild unten wurde mir von meinem Kumpel Micha gesendet, kostet hier die gleiche Suppe nur 1,397 EUR.

Die Besonderheiten nehmen kein Ende hier. Wir gehen am Ende der Tour in einen Supermarkt und können eine Mutprobe der ganz besonderen Art unternehmen: Einkaufen ohne Maske! Boris Johnson hatte ja vor vielen Wochen bereits seinen Freedom Day ausgerufen, alle COVID Restriktionen fallen lassen. So auch hier, wo sowieso jeder mindestens doppelt geimpft ist. Es fällt uns tatsächlich aber dennoch schwer, uns wieder daran zu gewöhnen, ohne Maske durch einen Supermarkt zu laufen. Manche Menschen tragen sie auch noch, wir sind hin- und hergerissen, ob wir sie weiter tragen sollen, aus Solidarität, ja – nein. Es wird ein wenig von allem.

Die Spanier hadern nach wie vor schwer damit, dass der Felsen nicht mehr zu ihrem Staatsgebiet gehört. 1713 im Frieden von Utrecht an Großbritannien abgetreten, würden sie das gerne wieder zurückdrehen, während London natürlich nicht mal daran denkt. In Gibraltar gab es dann 1967 eine von zwei Abstimmungen, die aber weit besser vorhersagbar war, als das Referendum zum Brexit. Das Ergebnis ist heute ein Kunstobjekt im Museum. Rechts die stay und links die leave votes:

Es ging mit 12.138 Stimmen für GB zu 44 für Spanien aus. Das Museum befindet sich in einer alten renovieren Kasematte, was allein interessiert ist.

Das war es dann aber bereits an dem Wochenende. Wir ziehen uns nach La Linia auf unseren Clipper zurück. Ich habe unglaublich viel zu arbeiten und Filip etabliert seine Routinen, wir zelebrieren Alltag auf unserem Wohnschiff. So leben wir hier, bis am nächsten Wochenende endlich der Felsen in Angriff genommen wird. Bei der Einreise hier wird mal gleich abgefangen und bekommt eine Taxirundreise auf geschwätzt, die man für 38 EUR pro Person machen soll, statt die preislich ebenfalls sehr intensive Seilbahn zu nehmen. Es stellt sich heraus, dass das Taxi tatsächlich bedeutend schneller geht und einen Tick günstiger ist. Also los. Es geht zum ersten Aussichtspunkt, wir haben Glück mit dem Wetter und ich kann mich kaum von diesem Ausblick losreißen.

Weiter geht es zur Saint Michael’s Cave, eine schöne natürliche Höhle, von denen es in dem Felsen etwa 120 gibt. Diese hier ist aber mit Licht und Soundeffekten besonders herausgeputzt. Filip findet das doof, hätte es lieber naturbelassen. Ich akzeptiere das Spektakel unkritisch und lasse es einfach auf mich wirken.

In der Höhle gibt es ein kleines Theater, für zum Beispiel Konzerte. Wir bekommen ein kitschiges und kurzes Diaschauspiel geboten, das an die Wände projektiert wird.

Auf dem Felsen leben bekanntermaßen Affen, die der Sage zufolge durch die tiefen Höhlen unter dem Meer von Afrika kamen. Diese werden täglich gefüttert, gehegt und gepflegt, denn wie jeder weiß, endet Britanniens Herrschaft auf dem Felsen an dem Tag, an dem kein Affe mehr da ist.

Zu guter Letzt inspirieren wir noch einen kleinen Teil der zur Verteidigung über die Jahrhunderte in den Felsen getriebenen Tunnel. Das war auch bitter nötig. So dauerte die größte Belagerung 4 Jahre von 1779 bis 1783. Über 300 Soldaten vielen in den Gefechten und mehr als 1.000 starben durch Unterernährung und Krankheit. Die Spanier wollten den Felsen wirklich zurück und versuchten es militärisch, was aber nie gelang.

Zunächst fallen die vielen Löcher im Felsen von außen gar nicht so sehr auf. Wenn man aber einmal in der Verteidigungsanlage stand, weiß man, wo man schauen muss.

Im Zweiten Weltkrieg kamen dann viele Kilometer weitere Tunnel hinzu. Heute sind es 36 Kilometer. Es wurde Tag und Nacht in Schichten gebohrt, gesprengt und gegraben, bis eine ganze Garnison nebst Krankenhaus und Logistik im Felsen bombensicher unterkam.

Im letzten Bild sieht man eine Wellblechkonstruktion, die man in den Felsen baute, um das darin befindliche Krankenhaus nicht im nackten Felsen zu errichten. In das Wellblech ließ man ein Fenster ein. Das hatte natürlich keine Funktion. Dahinter war schließlich nur Felsen. Es beruhigte aber die teilweise klaustrophobischen Patienten, da es half sich vorzustellen, man könnte es einfach öffnen und auf eine weite Wiese blicken.

Der größte Teil der Weltkriegstunnel steht heute leer. Manche beherbergen Rechenzentren, andere werden anders zivil und vielleicht immer noch militärisch genutzt. Zum Abschluss unserer Tour wurden wir von hier oben noch Zeuge eines besonderen Schauspiels. Gibraltar hat eigentlich keinen Platz für einen Flughafen. Man baute aber dennoch einen, der die weltweite Besonderheit hat, dass die Runway von einer Straße gekreuzt wird, die jeder befährt oder begeht, der auf die Halbinsel möchte. Wenn ein Flugzeug landet, wird die Straße gesperrt, es senken sich Schranken herab und das Flugzeug kann landen. Ist es am Terminal und die Bahn frei, kann der Verkehr weiter fließen.

Die letzten Tage hier ist es kalt und regnet sehr viel. Auch die Einheimischen schimpfen, dass es für den März noch so kalt ist. Erstmals haben wir hier am Ort auch dauerhaft schlechten Internetempfang auf dem Boot, was mich erheblich bei der Arbeit behindert. Dass der Provider Orange immer schwächelt, kenne ich ja, aber dass auch Vodafone hier Probleme bereitet, wundert mich. Vielleicht ist die Grenzregion, in der wir uns hier befinden, schlecht ausgeleuchtet. Wie dem auch sei, wir haben alles gesehen und es kann jetzt tatsächlich gerne weitergehen.

Am Abend vor der Abfahrt bunkere ich noch Wasser. Ich schlage den Schlauch zunächst an dem Kran an, der dem Clipper am nächsten ist. Der leckt aber sehr, sodass ich den Hydranten vom Nachbarn versuche, der deutlich weniger Wasser verschwendet. Nach 30 Minuten, es war bereits dunkel und ich sitze im Decksalon, wundere ich mich, dass der Füllstand gar nicht weiter steigt. Ich schaue nach und sehe meinen Schlauch abgeschlagen wieder vor dem Clipper liegen. Komisch. Ich bunkere weiter mit dem eignen Hydranten und habe schon so ein Gefühl, was das gewesen sein könnte.

Am Mittwoch, dem 16.03. machen wir uns dann gegen Mittag ganz normal auf den Weg. Ich zahle noch in der Marina und erfahre, dass Strom und Wasser hier nicht inklusive sind und auch nicht als Pauschale berechnet werden. Nein, es wird der Zähler abgelesen, was dann auch per telefonischer Anweisung von einem Marinero draußen erfolgt. Das hatte ich noch nie! Im Mittelmeer, wie ich dann erfahre, ist das wohl eher üblich, ich kannte das aber nicht. Somit habe ich dem Nachbarn im vermeintlichen Schutze der Dunkelheit Wasser gestohlen und wurde dabei erwischt! Mir wird ganz anders. Ich fühle mich elend, mir ist die Situation so peinlich. Ich gehe zurück aufs Boot und spreche den Stegnachbarn an, sobald sich dieser blicken lässt. Er lässt mich die Situation schildern, strahlt mich an und lacht sich kaputt. Für ihn war das schon erledigt. Das Wasser ist nicht teuer hier, er wollte noch nicht mal einen Ausgleich. Man bin ich erleichtert! Der Name seines Bootes ist hier definitiv Programm:

Wir verlassen die Marina. Tanken fahre ich nicht, ich bin noch fast voll. Schade eigentlich bei den Preisen hier. Wir verlassen die Bucht, vorbei an den kleinen Tankern, die die großen Schiffe betanken und hier liegen und auf ihre Kundschaft warten.

Ich bin dann sehr damit beschäftigt, auf den Verkehr zu achten. Von hinten kommt die Schnellfähre, von draußen kommen andere Schiffe rein und in der Straße geht der quer laufende Verkehr. Außerdem kündigt sich mal wieder Regen an.

Das AIS ist überfordert, kann so viele Kontakte nicht darstellen. Da wir von innen kommen und die Kontakte draußen erst später aufgefasst werden, fallen die leider hinten runter, obwohl sie wichtiger währen. Ich wüsste nicht, dass hier einen Einfluss auf eine Art Vorfilterung habe. So nehme ich das Radar dazu. Ich definiere die Kontakte manuell, die das System bitte für mich tracken soll, damit ich Kurs und Fahrt des Kontakts bekomme und zusammen mit dem eignen Kurs und Fahrt ein CPA ermittelt werden kann, also ein Closest point of Approach. Erst dann weiß ich, ob der Kollege uninteressant ist oder ich auf ihn aufpassen muss, weil wir uns bald sehr nahe kommen werden.

Auf dem Zerstörer hatten wir vor 30 Jahren noch 1–2 Mannschaftsdienstgrade, die in der Operationszentrale an Radarkonsolen diese Aufgabe manuell übernehmen mussten, indem sie das synthetische Computersymbol immer wieder mit einem Trackball auf den vom Radar gezeichneten Kontakt setzen mussten. Rund um die Uhr. Der damals schon alte Rechner ermittelte daraus dann alles. So wurde das Lagebild erzeugt. Immer. Das fand an der berühmten K2 (Konsole 2) statt, und war eine sehr öde Übung. Heute macht das mein Freizeitplotter von der Stange auf Aufforderung ganz allein. Die Systeme bei der Marine waren kurz danach dann auch schon so weit. Wir verwendeten damals noch amerikanische Technik, die ihren Ursprung wohl in den 80er-Jahren hatte, welche dann bald durch modernere Systeme abgelöst wurde.

Wir kommen gut da raus. Ich fummel ständig an den Segeln rum, um bestmögliche Geschwindigkeit zu machen. Mitunter muss die Maschine mithelfen. Ich möchte hier nicht in der Straße von Gibraltar zum Hindernis werden und mit 1–3 Konten rum stehen. Diese folgende Perspektive auf ein anderes Schiff lässt sich nur durch Fahrt im Eigenen so verändern, dass man den Kameraden später von der Seite sieht und nicht unplanmäßig von unten.

Sie helfen aber alle mit und wir kommen uns nicht in die Quere. Es wird ein knapp fünfstündiger Törn, den wir schließlich im zweiten Reff dadurch beenden, dass wir Herkules umrunden und in das Hafenbecken von Ceuta Richtung Marina Herkules einfahren.

Mein ruf an die Marina auf UKW wird nicht beantwortet. Wir sind nicht angemeldet und das Hafenbüro ist bereits geschlossen. Der Rezeptionspier ist ein außerordentlich ungastlicher aussehender Abschnitt neben der Tankstelle, da will ich nur im Notfall hin. So kurven wir sehr langsam suchend durch den Hafen, dann pfeift es irgendwo. Beim zweiten Pfeifen sehe ich jemand, das könnte uns gelten. Ich fahre in die Richtung, Filip sucht noch, was ich meine. Tatsächlich ist es der Marinero, der uns beim Anlegen hilft. Römisch-Katholisch natürlich, wie sich das im Mittelmeer später durchgängig so gehört, also mit Mooring und das Heck zum Pier.

Es wird ein absolut gekonnter Anleger. Filip nimmt die Leinen, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Wir sind dann Achtern fest, ich gebe Schub nach vorne und übernehme die Mooring, die Filip mir mit dem Bootsharken anreicht. Hat er geschickt gemacht, denn nun bin ich es, der sich mit der vom Boden des Hafens kommenden schlammigen Leine schön einsaut, auf dem Weg zum Bug, wo ich sie dann fest mache.

Es ist später Nachmittag. Wir sind in Afrika!

Wir schauen, wo es etwas zu essen gibt und finden eine Inder direkt gegenüber. Dort setzen wir uns und bestellen unser Abendessen. Ich spekulierte auf das obligatorische Einlaufbier und bestelle siegessicher und voller Vorfreude eine cerveza grande. Man erklärt mir, dass man keinen Alkohol hat, den Grund verstehe ich nicht, er würde am Sachverhalt aber auch nichts ändern. Ich bin etwas genickt und versuche das später durch den Rest Wein, den es noch an Bord gibt, zu ersetzen. Das funktioniert nur bedingt. Wir laufen anschließend durch Ceuta und sind beeindruckt von der Pracht, die sich auf den öffentlichen Plätzen dieses spanischen Fleckchens, umgeben von Marokko zeigt:

Irgendwie ist hier die Atmosphäre aber komisch. Zwar ist alles besonders prächtig herausgemacht, die Festung ist imposant, die Fassaden renoviert und schön beleuchtet, aber das echte Leben kann da nicht mithalten, das Ganze ist im Detail nicht stimmig. Wenn man in einer vermögenden Stadt einen Prachtplatz sieht, dann Grenzen daran edle Restaurants und meinetwegen teure Boutiquen, alles ist auf einem Niveau. Hier aber sind die Restaurants eher bodenständige Tappasbars, gut bürgerlich und manchmal etwas schäbig, Dönerbuden, Ramschläden, die man genauso gegenüber im armen La Linea sieht. Zwar gibt es auch hier die tolle Fußgängerzone mit Ketten wie Zara etc., aber wir können uns unabhängig voneinander nicht helfen. Wir empfinden es so, dass man hier mit viel mit öffentlichem Geld einiges macht, das aber nicht aus dem Ort selbst zu kommen scheint, wodurch sich ein Gefälle ergibt, das man sehen kann. Man kann das aber auch ignorieren und sich dem Ort so hingeben, wie er sein will und bekommt eine spannende Kulisse geboten.

Zwei Tage haben wir hier Zeit. Den Ersten verbringe ich auf dem Boot und arbeite, putze, wasche zwei Maschinen Wäsche inklusive meiner eingesauten Hose. Das Boot wird gründlich mit Süßwasser von außen abgewaschen, denn der Wüstensand, der quer über Europa ging, hat auch den Clipper in ein Sandkasten verwandelt. Der viele Regen aus den gelben Wolken wäscht nicht sauber, sondern macht schmutzig.

Den zweiten Tag nehmen wir Skateboard und Fahrrad. Wir wollen die Grenzen dieses Ortes mit eigenen Augen gesehen haben. Mit gemischten Gefühlen fahren wir los und schnell wird die Gegend immer ärmlicher. Schon bald ist nichts ist mehr übrig von der Pracht der Innenstadt.

Der Grenzübergang zu Marokko wurde durch Spanien vor genau zwei Jahren wegen COVID geschlossen. Immer wieder gibt es auf der marokkanischen Seite Demonstrationen, weil die Pendler aus Marokko auf diese Weise dauerhaft von ihrer Arbeit getrennt sind. Bis jetzt hat sich aber an diesem Zustand nichts geändert. Man kommt hier entweder mit dem Helikopter oder der Schnellfähre hin, sonst gibt es nichts.

Ein wenig die Straße weiter sehen wir dann die vielen Zäune. Drei Reihen stehen da. Zweimal hohe Maschendrahtzäune und dann schließlich die Mauer.

Ich will hier keine Debatte zu diesem Thema anfangen, zu dem so hochemotionale und gegensätzliche Positionen gibt. Ich denke aber, dass man sich auf zumindest eines einigen kann: Das hier manifestiert eines der größten ungelösten Probleme und großes Leid und Elend unserer Zeit. Eine solche Anlage ist immer ein Zeichen von erheblichen Versagen und es macht betroffen. Das war der Fall, als es so etwas quer durch Deutschland gab, und es ist auch hier so. Was auf der anderen Seite dieses Zauns los ist, ist mit diesem Film gut dokumentiert:

Wir gehen zurück.

Aus dem Rückweg kommt uns eine Herde Schafe entgegen, die völlig für sich sind. Ein Schäfer ist nirgendwo zu sehen.

Wäre da mal ein Schäfer gewesen, dann wäre es vermutlich nicht zu dieser herzzerreißenden Szene gekommen. Man kann aber davon ausgehen, dass dieses Drama ein gutes Ende fand!

Wir kaufen noch Lebensmittel, kehren zurück zum Boot und bereiten uns für eine frühe Abfahrt am kommenden Morgen vor, inklusive vorkochen. Morgen segeln wir unsere ersten Meilen im Mittelmeer. Es wird zu Beginn viel Wind bei zwei Metern werden, den wir mit einem Windwinkel von etwa 45-50 Grad nicht ganz so komfortabel haben werden, wie in den vergangenen Schlägen. Ich hoffe, dass wir uns nicht zu viel zumuten.

Mittelmeer. Wir kommen !!

3 Gedanken zu “Gibraltar (GB) & Ceuta (ES) – Zwischen Kontinenten

  1. Hallo Matthias, Hallo Filip,

    Danke für den wie immer tollen Bericht. Ja, der Sahara-Sand! Unser Boot sieht genauso aus. Morgen wir es endlich wieder hübsch gemacht. Bei den frischen Temperaturen, ohne Sonne dafür mit bis zu 30kn kalter Bise haben wir das bis jetzt vor uns hergeschoben.
    Danke für den deutlichen Kommentar zur Mauer. Ja, die Menschheit und v.a. Europa hat grad ein paar richtige Herausforderungen. Ich hoffe, wir fangen mal an damit.
    Viel Spass im Mittelmeer! Wir sind auch auf dem Weg dahin, nur noch 100 Schleusen trennen uns von der Côte d’Azur …
    Liebe Grüsse von den Balenas! (Gilles, Sandra & Olivia)

  2. Hallo Matthias,

    Ich freue mich immer wieder von euch zu hören. Das Thema GPS und Plotter hattest du mir ja schon ans Herz gelegt. Ich hab das jetzt als Fragestellung an Torsten weitergeleitet. Hier gab es vor zwei Wochen grösseren redebedarf bzgl. der Preissteigerung. Wir konnten eine tragbare Lösung finden. Nun kann es bald mit dem Bau meines Schiffes losgehen. Geschirr, Gläser, pot und Pan sind ausgesucht gleiches gilt für das Office Paket. Drückt mir die Daumen dass alles klappt. Euch gute Reise. Gustav

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.